Arthur Schopenhauer, Grundriss seiner Philosophie

· Philosophie, Schopenhauer
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In zwei Knols habe ich sehr kurz gefasste Einführungen in Schopenhauers Philosophie (http://knol.google.com/k/klaus-rohde/a-crash-course-on-schopenhauers/xk923bc3gp4/45#view) und Philosophie der Kunst (http://knol.google.com/k/klaus-rohde/schopenhauers-philosophie-der-kunst/xk923bc3gp4/46#)gegeben, vorwiegend auf Zitaten aus seinen Werken beruhend. Hier gebe ich eine zusammenfassende Darstellung seiner Philosophie.

Kurzer Abriss seines Lebens

Arthur Schopenhauer wurde 1788 in Danzig geboren und starb 1860 in Frankfurt/Main. Sein Vater war ein wohlhabender Kaufmann. 1793 bis 1797 lebte Schopenhauer mit seiner Familie in Hamburg, danach zwei Jahre in Paris; 1803 besuchte er ein Internat in England, ab 1809 die Universität Göttingen, zwei Jahre später die Universität Berlin, wo er vor allem die Naturwissenschaften studierte. 1819 wurde er Privatdozent in Berlin, gab diese Stellung aber bald auf, um sich dem Denken und Schreiben philosophischer Werke zu widmen, ermöglicht durch die von seinem Vater hinterlassene Erbschaft. Er hatte einige Affairen und erwog auch eine Heirat, blieb aber Junggeselle. Er lebte zeitweilig in Weimar, wo seine Romane schreibende Mutter Johanna wohnte und wo er auch Goethe kennenlernte. Später brach er alle Kontakte zu seiner Mutter (und auch zu seiner jüngeren Schwester Adele) ab. Er hatte ausgezeichnete Sprachkenntnisse (deutsch, lateinisch, griechisch, französisch, englisch, spanisch, italienisch) und erwartete von seinen Lesern, dass sie lateinisch und französisch im Original lesen konnten. Er schrieb seine These auf lateinisch und übersetzte seine Farbenlehre ins Lateinische, übersetzte Balthasar Gracians Handorakel der Lebensklugheit aus dem Spanischen ins Deutsche, bot einem englischen Verleger an, Kants Kritik der Reinen Vernunft ins Englische zu übersetzen, und schrieb ein Buch über Sex auf englisch, das von seinem Testamentsvollstrecker vernichtet wurde. Von allen ihm bekannten Sprachen schätzte er die griechische, lateinische und deutsche als die vollkommensten. Ihm fehlte jede Art nationaler Überheblichkeit. Er ass gerne und reichlich, las regelmässig (in Frankfurt zumindest) die London Times, um sich auf dem laufenden zu halten, und nahm seinen Pudel Atma (Sanskrit für Weltseele) täglich mit auf seine Spaziergänge. Sein Geld hinterliess er einer ehemaligen Geliebten und für die Sorge um seinen Pudel, hauptsächlich aber dem Berliner Fonds zur Unterstützung der Nachkommen der während der Revolution 1848/9 gefallenen preussischen Soldaten, sowie der preussischen im Laufe der Kämpfe verletzten Soldaten (Quellen: Thomas Mann [2], Bertrand Russell [3]).Seine Schriften sind reich an Gedanken, die spätere Entwicklungen in der Philosophie, Psychologie und in den Sprachwisenschaften, um nur einige zu nennen, befruchtet haben. Karl Popper meint, dass es bei Schopenhauer mehr gute Ideen gebe als bei jedem Philosophen ausgenommen Plato. Wir können hier nur die wesentlichen Punkte seiner Philosophie besprechen, Zitate sind aus der Welt als Wille und Vorstellung, Grossherzig Wilhelm Ernst Ausgabe [1]. Schopenhauer hat sich jegliche, selbst kleinere Änderungen seines Stiles und seiner Rechtschreibung verbeten, woran ich mich hier halte.

Einflüsse auf Schopenhauer

Schopenhauer nennt Plato und Kant als diejenigen Philosophen, die ihn am meisten beeinflusst haben. Jedoch zitiert er fast alle Philosophen in seinen Werken, meist in der originalen Sprache (griechisch, lateinisch, französisch, spanisch, englisch, italienisch und natürlich deutsch). In der Welt als Wille und Vorstellung werden griechische Zitate mit einer lateinischen Übersetzung gegeben, alle anderen, ausgenommen lateinische und französische, mit einer deutschen.

Schopenhauers Philosophie

Die Welt als Wille und Vorstellung, sein Hauptwerk, ist in zwei Teile mit jeweils vier Büchern gegliedert. Das erste und dritte Buch befassen sich mit der Welt als Vorstellung, das zweite und vierte mit der Welt als Wille. Er setzt voraus, dass seine Schriften über die Grundprobleme der Ethik und den Willen in der Natur dem Leser bekannt sind, und bezieht sich wiederholt auf sie.

Die Welt als Vorstellung

Am Anfang des ersten Buches der Welt als Wille und Vorstellung, Teil I, weist er darauf hin, dass nichts dem Subjekt gewisser ist als die Aussage, dass die Welt seine Vorstellung ist. Diese Wahrheit ist die Vorrausetzung aller möglichen Erfahrung:“Keine Wahrheit ist also gewisser, von allen andern unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig, als diese, dass Alles, was für die Erkenntnis da ist, also diese ganze Welt, nur Objekt in Beziehung auf das Subjekt ist, Anschauung des Anschauenden, mit Einem Wort, Vorstellung.” Schopenhauer sagt, dass diese Ansicht nicht neu sei, sondern bereits in den skeptischen Betrachtungen des Kartesius (Descartes) lag, doch zuerst klar von Berkeley formuliert wurde. Sie ist auch die Grundlage der indischen Vedanta-Philosophie. – Subjekt ist definiert als “dasjenige, was Alles erkennt und von keinem erkannt wird”. “Als dieses Subjekt findet jeder sich selbst, jedoch nur sofern er erkennt, nicht sofern er Objekt der Erkenntnis ist”. Letzteres ist sein eigener Leib. Wesentliche und daherallgemeine Formen alles Objekts sind Zeit, Raum und Kausalität, welche selbst ohne Erkenntnis des Objekts vom Subjekt gefunden und vollständig erkannt werden können, d.h.a priorisind, wie von Kant nachgewiesen.Vorstellung sind zweierlei Art, entweder intuitiv oder abstrakt. Letztere umfassen die Begriffe und sind allein beim Menschen zu finden (als Vernunft). Erstere umfasst die gesamte sichtbare Welt und findet sich auch beim Tier (als Verstand); ihre Bedingungen (d.h. Formen) sind Zeit und Raum und können unmittelbar angeschaut werden (d.h. sind nicht durch Wiederholung aus der Erfahrung abgeleitet). “Succession ist das ganze Wesen der Zeit”, und Raum ist nichts anderes,”als die Möglichkeit der wechselseitigen Bestimmungen seiner Theile durch einander” (d.h. deren Lage). – Materie ist “durch und durch nichts als Kausalität, was ebenfallsa priorierkannt wird.Da Kausalität eine im Subjekt liegende Vorbedingung aller Erkenntnis ist, darf sie nicht auf das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt angewandt werden, d.h. es ist falsch zu sagen, dass ein Subjekt durch ein Objekt “verursacht” ist. Auf diesem Missverständnis beruht der “thörichte Streit über die Realität der Aussenwelt”. So behauptet der Idealismus von Fichte, dass das Objekt die Wirkung des Subjekts sei, und der Realismus, dass das Objekt das Subjekt bewirke. Keine dieser Behauptungen kann aber bewiesen werden, weil Kausalität nur Beziehungen zwischen Objekten beschreibt.

Die Welt als Wille

Im zweiten Buch bespricht Schopenhauer das Wesen des Dinges an sich, d.h. das Wesen der Dinge, wie sie ohne Aufnahme durch unseren Sinnes- und Verstandesapparat sind, der sie nur als Vorstellung erfassen kann. Eine solche Entschlüsselung ware völlig unmöglich, wenn “der Forscher selbst nichts weiter als das rein erkennende Subjekt” wäre. Jedoch ist er mehr, er (das Subjekt) erkennt seinen Leib nicht nur als Objekt unter anderen Objekten, sondern als unmittelbar bekannten Willen. “Jeder wahre Akt seines Willens ist sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, dass es als Bewegung des Leibes erscheint. Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht nicht im Verhältniss der Ursache und Wirkung; sondern sie sind Eines und das Selbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der Anschauung für den Verstand.” – Man kann auch sagen, dass der Wille die Erkenntnisa priorides Leibes (als Ding an sich), und der Leib die Erkenntnisa posteriorides Willens ist. – Da Kausalität, Raum und Zeit, welche die Vielheit bedingen, d.h. dasprincipium individuationis,das Prinzip der Trennung von Individuen, darstellen, nur “Kategorien” des erkennenden Subjektes sind, muss das Ding an sich ohne diese Vielheit sein. In anderen Worten, Individuen bestehen in diesem Sinne nur scheinbar, im Innersten sind alle Individuen (als Ding an sich) eine Einheit, und sie sind “frei”, d.h. nicht dem Gesetz der Kausalität unterworfen. Kant hat dies erkannt und in seiner Unterscheidung des empirischen und intelligiblem Charakter klar gemacht. Derempirische Charaktereines Individuums ist streng determiniert, d.h. es gibt keine Willensfreiheit für ihn, da er mit dem Verstande erkannt wird, derintelligible Charakter, d.h.unser innerstes Wesen, ist frei,er unterliegt nicht dem Gesetz der Kausalität.Der Wille objektiviert sich in einer grossen “Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit” der Erscheinungen, die in einem “endlosen und unversöhnlichen Kampf gegen einander gesehen” werden. Diese Erscheinungen stehen auf verschiedenen, von Schopenhauer als platonische Ideen interpretierten Stufen. Dieplatonischen Ideen sind die ursprünglichen, nicht wechselnden Formen und Eigenschaften aller natürlichen, sowohl unorganischen, als auch organischen Körper, wie auch “die nach Naturgesetzen sich offenbarenden allgemeinen Kräfte”.

Platos Idee als Objekt der Kunst

Im dritten Buch bespricht Schopenhauer das Wesen der Kunst. Wie im vorhergehenden Buch ausgeführt, entsprechen die Stufen der unorganischen und organischen Natur den platonischen Ideen, die sich zu den “unzähligen Individuen und Einzelheiten” wie die Vorbilder zu ihren Nachbildern verhalten. Während die “Vielheit solcher Individuen” allein durch Zeit und Raum, und ihr “Entstehen und Vergehen” allein durch Kausalität vorstellbar sind, geht die Idee nicht in jenes Prinzip ein, d.h. es kommt ihr weder Vielheit noch Wechsel zu. Deshalb,wenn die “Ideen Objekt der Erkenntniss werden sollen; so wird dies nur unter Aufhebung der Individualität im erkennenden Subjekt geschehen können“. – Schopenhauer führt aus, dass der Übergang von der “gemeinen Erkenntnis einzelner Dinge zur Erkenntnis der Idee” plötzlich geschieht, “indem die Erkenntniss sich vom Dienste des Willens losreisst, eben dadurch das Subjekt aufhört ein bloss individuelles zu seyn und jetzt reines, willensloses Subjekt der Erkenntniss ist”. Das Subjekt geht jetzt “in fester Kontemplation der dargebotenen Objektes” auf und betrachtet nur das Was, und nicht das Wo, Wann und Warum. Diese Art der Erkenntniss ist verschieden vom abstrakten Denken und gibt sich völlig der Anschauung hin, in “ruhiger Kontemplation”. Man “verliert” sich im Gegenstand, als “rein erkennendes Subjekt”, als “klares Weltauge”. Individuen, die dieser Art der Erkenntniss fähig sind und grosse Kunstwerke schaffen, sind künstlerische Genies. Jedoch ist diese Art der Erkenntnis, in abgeschwächter Weise, auch bei vielen zu finden, die zwar keine Kunstwerke schaffen, aber fähig sind, sie zu schätzen. Schopenhauer bespricht die verschiedenen Formen der Kunst, Architektur, Gartenkunst, Malerei, Poesie, und Musik. Die willenlose Kontemplation, die rein objektive Anschauung kann selbst auf die unbedeutendsten Gegenstände gerichtet sein, wie es zum Beispiel in den niederländischen Stilleben zum Ausdruck kommt. Zu Schopenhauers Zeit gabe es noch keine Farbphotographie, jedoch zeigt dies meisterliche Photo (“Rosenwächter”) von Josef Alvermann, dass auch ein Photograph durch Einfühlung in die Natur wahre Kunstwerke schaffen kann, ähnlich wie es die alten niederländischen Meister, zum Beispiel, in ihren Stilleben taten.Man muss kein Meister sein, aber der Versuch, sich in die Natur einzufühlen, kann grosse Genugtuung verschaffen, wie mir zum Beispiel dies Aquarell verschafft hat. Original Klaus Rohde.Der Willen in der obersten Stufe der Objektivation ist jedoch der Mensch. Bei ihm treten der Charakter der Gattung und der des Individuums auseinander, so dass jeder Mensch “eine ganz eigenthümliche Idee darstellt”. Die ihn darstellenden Künste (Malerei, Skulptur) haben daher “neben der Schönheit, als dem Charakter der Gattung, noch den Charakter des Individuums….zur Aufgabe”.Erkenntniss des Schönen ist zum Theil a priori, d.h. sie stammt nicht aus der Erfahrung. Man fügt nicht den aus der Erfahrung bekannten schönsten Fuss mit dem schönsten Knie usw. zusammen, um schliesslich zum idealen Menschen zu gelangen. Auch die Mathematik und “reinen” Naturwissenschaften sinda priori, d.h. können ohne Erfahrung entwickelt werden. Jedoch sind sie auf das kausaleWiedes Erscheinenden gerichtet (durch die Kategorien der Zeit, des Raumes und der Kausalität), während die Erkenntniss-Arta priori, welche das Darstellen des Schönen möglich macht, dasWasdes Erscheinens betrifft. – In der Dichtkunst ist das Trauerspiel als der Gipfel anzusehen, wegen der “Grösse der Wirkung und der Schwierigkeit der Leistung”. “Es ist der Widerstreit des Willens mit sich selbst, welcher hier, auf der höchsten Stufe seiner Objektität, am vollständigsten entfaltet, furchtbar hervortritt”. Schopenhauer führt als hervorragende Beispiele u.a. Calderon, Shakespeare, Goethe und Schiller an. “Der wahre Sinn des Trauerspiels ist die tiefere Einsicht, dass was der Held abbüsst nicht seine Partikularsünden sind, sondern die Erbsünde, d.h. die Schuld des Daseyns selbst”. (Siehe auch hier).Schopenhauer untermauert seine Interpretation der Künste mit vielen Einzelheiten und Beispielen.Die Musik unterscheidet sich von allen anderen Künsten darin, dass sie nicht spezifische Ideen darstellt, nein – sie ist “eine so unmittelbare Objektivation und Abbild des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen es sind, deren vervielfältigte Erscheinung die Welt der einzelnen Dinge ausmacht. DieMusik ist also keineswegs, gleich den anderen Künsten, das Abbild der Ideen; sondern Abbild des Willens selbst……”. Aus diesem Grunde ist die Wirkung der Musik “so sehr viel mächtiger und eindringlicher” als die der anderen Künste. Letztere reden vom Schatten, die Musik aber vom Wesen.

Ethik: Bejahung und Verneinung des Willens, tat twam asi

Das vierte Buch der Welt als Wille und Vorstellung ist seiner Ethik gewidmet. Schopenhauer betrachtet diesen Teil als den “ernstesten”, da er die Handlungen des Menschen betrifft und daher jeden angeht. Er betont, dass eine Ethik Moral nicht lehren kann, sowenig eine Ästhetik Genie-Sein lehren kann.Wie in den ersten Abschnitten besprochen, ist die Individualität eine Eigenschaft der vorgestellten Welt, nicht aber des Dinges an sich. Daher: “Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird: alles Andere erwacht wieder, oder ist vielmehr wach geblieben”. Der tiefe Schlaf unterscheidet sich vom Tod “für die Gegenwart seiner Dauer” nur in Hinsicht auf das Erwachen. Der Wille, das Ding an sich, ist Eines (d.h. alle Individuen werden nach ihrem Tod in ihn eingehen), und er (seinintelligiblerCharakter) ist frei, da er nicht den Kategorien der Kausalität, der Zeit und des Raumes unterliegt. DerempirischeCharakter aber, wie er von uns erkannt wird, ist strikt, in allen Einzelheiten, determiniert. Jeder hält sicha priorifür frei in dem Sinne, dass ihm jede Handlung möglich sei, und lernt seinen eigenen Charakter ersta posteriori, durch Erfahrung, kennen. “Der Intellekt nämlich erfährt die Beschlüsse des Willens ersta posterioriund empirisch. Demnach hat er, bei einer vorliegenden Wahl, kein Datum darüber, wie der Wille sich entscheiden wird.” ” Die Behauptung einer empirischen Freiheit des Willens….hängt …damit zusammen, dass man das Wesen des Menschen” fälschlich “in eineSeelesetzte,……”. In diesem Zusammenhang ist Schopenhauers Einführung deserworbenen Charakters(zusätzlich zumintelligiblemundempirischenCharakter) interessant: es ist der aus langer Erfahrung erkannte Charakter des Menschen (unseres und anderer) mit allen seinen Stärken und Schwächen.Die Welt ist, als steter Kampf aller gegen alle, schon im Prinzip ein Ort des Leidens.“Die Basis alles Wollens aber ist Bedürftigkeit, Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich und durch sein Wesen anheimfällt. Fehlt es ihm hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt; so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Daseyn selbst wird ihm zur unerträglichen Last.” “Dieses hat sich sehr seltsam auch dadurch aussprechen müssen, dass, nachdem der Mensch alle Leiden und Quaalen in die Hölle versetzt hatte, für den Himmel nun nichts übrig blieb, als eben Langeweile.” “Das Leben der Allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um diese Existenz selbst, mit der Gewissheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem so mühsäligen Kampfe ausdauern lässt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben, als die Furcht vor dem Tode..”. –Befriedigung, Glück, ist immer nur negativ, da jeder Wunsch, d.h. Mangel, die vorhergehende Bedingung eines Wunsches ist. Insgesamt ist eine dauernde Befriedigung unerreichbar.Schopenhauer erwähnt Beispiele u.a. aus der Geschichte und Krankenhäusern, um seine Einsicht zu untermauern.Wie könnnen wir dieser Hölle entkommen? DurchEntsagung, Verneinung des Willens. So ist die freiwillige und durch kein Motiv begründete Entsagung der Befriedigung des Geschlechtstriebes Verneinung des Willens zum Leben. Es ist aberUnrecht, den Willen in einem anderen Leibe zu verneinen, d.h. ihn zu verletzen oder zu zerstören, entweder durch List, Lüge oder Gewalt. Hiervon ausgehend entwickelt Schopenhauer eineTheorie des Eigenthums, des Naturrechtes und Rechtes allgemein. Unrecht ist der ursprüngliche und positive, Recht der abgeleitete und negative Begriff. “Der einzige Zweck des Gesetzes ist Abschreckung von Beeinträchtigung fremder Rechte..”. Er hält Kants Satz, dass man den Menschen immer nur als Zweck, nie als Mittel behandeln solle, für vage und problematisch, weil “ein zum Tode verurteilter Mörder allerdings und mit vollem Recht als blosses Mittel gebraucht werden” muss, zur Abschreckung und Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit. Dies bezieht sich allerdings nur auf die staatliche,zeitliche Gerechtigkeit, dieewige Gerechtigkeit, die sich auf die gesamte Welt bezieht (d.h. in ihrem Wesen liegt) und nicht von menschlichen Einrichtungen abhängt, kann nicht vergeltend sein, weil sie nicht wie die der zeitlichen Gerechtigkeit zu Grunde liegende Vergeltung in der Zeit liegt. “Die Strafe muss hier mit dem Vergehen so verbunden sey, dass beide Eines sind”. “Will man wissen, was die Menschen, moralisch betrachtet, im Ganzen und Allgemeinen werth sind; so betrachte man ihr Schicksal, im Ganzen und Allgemeinen. Dieses ist Mangel, Elernd, Jammer, Quaal und Tod. Die ewige Gerechtigkeit waltet…” Das “rohe Individuum” allerdings sieht das anders, da er nur die zeitlich und räumlich getrennten Erscheinungen erkennt; er sieht Peiniger und Mörder auf der einen Seite und Dulder und Opfer auf der anderen, die im Grunde nur Eines sind. Doch in der “innersten Tiefe seines Bewusstseyns hat er manchmal die “ganz dunkle Ahndung”, dass ihm “das Alles doch wohl eigentlich so fremd nicht ist”. DasGrausenist begründet durch diese manchmal auftretende Ahnung. Alles Böse dieser Welt fliesst aus jenem Willen, der das Wesen jedes Einzelnens ausmacht. Daher (Schopenhauer zitiert hier Calderons “Leben ein Traum”, in dem das christliche Dogma von der Erbsünde ausgedrückt ist): “Da die grösste Schuld des Menschen, Ist, dass er geboren ward”. – Esoterisch dargestellt in den Veden und insbesondere den Upanischaden, drückt der Mythus von der Seelenwanderung die Erkenntnis der ewigen Gerechtigkeit einfach verständlich für das Volk aus. Man darf kein Tier töten, weil man “einst in der unendlichen Zeit auch als eben ein solches Thier geboren werden und den selben Tod erleiden wird.” Dies liegt der Aussage “tat twam asi” (Dies bist du) zugrunde, welche die Grundlage der hinduistischen Lehre darstellt. – Im gleichen Sinne verbietet die christliche Ethik Vergeltung des Bösen mit Bösem und lässt die ewige Gerechtigkeit walten (“Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr”).Die bisherige Darstellung erlaubt eine Darstellung derethischen Bedeutung des Handelns. Nach Schopenhauer kannechte Tugend nur aus der Einsicht kommen, welche im fremden Individuum dasselbe Wesen wie im eigenen erkennt.“An sich sind alle Thaten …. bloss leere Bilder, und allein die Gesinnung, welche zun ihnen leitet, giebt ihnen moralische Bedeutsamkeit”. Das Prinzip der Gerechtigkeit (beruhend auf der Negation des Bösen) gebietet, dass man andere nicht verletzen soll. Echte Güte der Gesinnung geht viel weiter und führt zur Menschenliebe: man macht viel weniger als sonst einen Unterschied zwischen sich und anderen, man opfert sein Vermögen und sogar sich selbst dem Nächsten, und man quält kein Tier. Liebe beruht auf der Erkenntnis des fremden Leidens undreine Liebe ist daher ihrer Natur nach Mitleid. All dies steht im direkten Widerspruch zu Kants Ansicht, nach welchem alles wahrhaft Gute und Tugend auf der abstrakten Reflexion, dem Begriffe der Pflicht und des kategorischen Imperativs, beruht. –Weinenist Mitleid mit sich selbst. – Wenn der Mensch keinen Unterschied zwischen seiner Person und anderen mehr macht, und an den Qualen anderer so viel Anteil nimmt wie an seinen eigenen, und wenn er all das Leiden in der Welt sieht, gelangt er zurResignation, dem Zustand der freiwilligen Entsagung. Der Wille wendet sich vom Leben ab. “Wesentlich nichts Anderes, als Erscheinung des Willens, hört er auf, irgend etwas zu wollen…”. “Keuschheit ist der erste Schritt in der Askese oder der Verneinung des Willens zum Leben.” – “Mit gänzlicher Aufhebung der Erkenntniss verschwände dann auch von selbst die übrige Welt ins Nichts…”. Dieser Gedanke wurde auch von christlichen Mystikern ausgedrückt, so zum Beispiel Angelus Silesius und Meister Eckhard, und im Buddhismus (Eingehen ins Nirvana). – Askese wird weiter auch in freiwiliger Armut gezeigt, so wie der von Franciscus von Assisi geübten. In diesem Sinne ist SchopenhauersPessimismuszu verstehen, und er teilt ihn mit dem ursprünglichen Christentum (z.B. Augustinus) wiedererweckt von Luther, den christlichen Mystikern, dem Hinduismus und Buddhismus, nicht aber mit dem alten Testament und dem (nicht-lutherischen) Protestantismus, denen er hohlen Optimismus vorwirft.Selbstmordist kein Weg, aus der Misere der Welt zu entkommen. “Weit entfernt, Verneinung des Willens zu seyn, ist dieser ein Phänomen starker Bejahung des Willens. Denn die Verneinung hat ihr Wesen nicht darin, dass man das Leiden, sondern dass man die Genüsse des Lebens verabscheuet. Der Selbstmörder will das Leben und ist bloss mit den Bedingungen unzufrieden, unter denen es ihm geworden. Daher giebt er keineswegs den Willen zum Leben auf, sondern bloss das Leben, indem er die einzelne Erscheinung zerstört”. Aus ähnlichen Gründen lehnt SchopenhauerEmpfängnis-Verhütung, Abtreibungoder “Beförderung des Todes von Neugeborenen” ab. Der Wille zum Leben kann nur aufgehoben werden durch Erkenntniss, d.h. der Wille muss ungehindert erscheinen, um sein eigenes Wesen erkennen zu können.Aber ist die Verneinung des Willens zum Leben in dem Sinne wie eben dargestellt (als “durch kein Motivbegründete Entsagung”), vereinbar mit der Feststellung, dass alle “Ursachen nur Gelegenheitsursachen” sind, die sich mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes zeigen? Schopenhauer sagt “In Wahrheit kommt die eigentliche Freiheit, …… nur dem Willen als Ding an sich zu, nicht seiner Erscheinung..”. “Allein der einzige Fall, wo jene Freiheit auch unmittelbar in der Erscheinung sichtbar werden kann, ist der, wo sie Dem, was erscheint, ein Ende macht……so steht der Wille, der sich durch diese Erscheinung manifestiert, als dann mit ihr im Widerspruch, indem er verneint was sie ausspricht.” Anders ausgedrückt: Die Freiheit des Willens “tritt erst ein, wenn der Wille, zur Erkenntniss seines Wesens an sich gelangt, aus dieser einQuietiverhält und eben dadurch der Wirkung der Motive entzogen wird, welche im Gebiet einer anderen Erkenntnissweise liegt, deren Objekte nur Erscheinungen sind.”Was Schopenhauer sich unter dem durchAskeseerreichten Zustand vorstellt, beschreibt er so: “so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens, statt des steten Ueberganges von Wunsch zu Furcht und von Freude zu Leid, statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüths, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren blosser Abglanz im Antlitz, wie ihn Raffael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist: nur die Erkenntniss ist geblieben, der Wille ist verschwunden”

Danksagung

Ich danke Josef Alvermann, Baden-Baden, für das Farbphoto “Rosenwächter”.

Quellen

[1] Schopenhauer’s Sämmtliche Werke in Fünf Bänden. Grossherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Insel Verlag Leipzig.I. Die Welt als Wille und Vorstellung I. Teil.II. Die Welt als Wille und Vorstellung II. Teil.III. Kleinere Schriften.IV. Parerga und Paralipomena. I. Teil.V. Parerga und Paralipomena. II. Teil.[2] Thomas Mann: Schopenhauer (1938). In : Leiden und Grösse der Meister. Fischer, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.[3] Bertrand Russell: History of Western Philosophy. George Allen & Unwin, London 1946.(Deutsche Ausgabe, Hörbuch: Die Geschichte der Abendländischen Philosophie, Komplett-Media 2009).

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