Arthur Schopenhauer, Vorgänger Darwins?

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Hintergrund

Schopenhauer (1788-1860) hat keine originären naturwissenschaftlichen Untersuchungen angestellt (abgesehen von einigen Experimenten über das Farbensehen), doch war wohl vertraut mit den wissenschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit. Seine Bedeutung liegt in der Interpretation wissenschaftlicher Befunde, vor allem im Lichte seiner Philosophie. In diesem Knol besprechen wir Schopenhauers Ansichten über die Evolution. Er bezieht sich wiederholt und eingehend auf die führenden Zoologen seiner Zeit Saint-Hilaire, Lamarck und Cuvier, und andere. Seine Bücher wurden vor Darwin veröffentlicht, enthalten aber viele Gedanken, die ihn und spätere Evolutionsbiologen vorwegnehmen.

Kurz zusammengefasst und unten durch Zitate aus der Welt als Wille und Vorstellung, den Parerga und Paralipomena, und Über den Willen in der Natur belegt, lassen sich seine wesentlichen Vorstellungen so darstellen:

Das Leben ist ein endloser und unversöhnlicher Kampf aller gegen alle; die “alleruntersten Thiere” sind aus organischer Fäulnis oder aus dem Zellengewebe lebender Pflanzen entstanden; Urformen der Tiere sind eine aus der anderen hervorgegangen und dies ist mehrmals wiederholt worden nach Erdrevolutionen in denen das Leben ausgelöscht wurde; Lamarcks Erklärung der Evolution durch Vererbung erworbener Eigenschaften ist nicht stichhaltig; die Föten von Arten wiederholen sukzessiv die Formen ihrer niederen Vorgänger; neue Arten können durch Änderung des Fötus über die Form der Mutter hinaus entstehen; die Entwicklung der Arten erfolgte nicht in einer Linie, sondern in mehreren nebeneinander aufsteigenden; Menschen sind mehrmals aus Affen entstanden (in Asien und Afrika) und waren zuerst schwarz oder braun, die höhere Zivilisation im Norden erklärt sich aus dem schlechteren Klima in kalten Gegenden; Vermehrung der Sterbefälle führt zur Vermehrung der Geburten und nicht umgekehrt; und Leben muss sich auf anderen Planeten entwickeln.

Die Tatsache einer Evolution wurde von mehreren Biologen vor Darwin erkannt, Darwins grosses Verdienst ist es, 1) dies durch zahlreiche Beispiele untermauert und damit der Evolutionstheorie zum weitgehenden Durchbruch verholfen zu haben, und 2) einen überzeugenden Mechanismus, den der natürlichen Auslese, vorgeschlagen zu haben (obwohl er eine gewisse Bedeutung des bereits von Lamarck nahegelegten Mechanismus: Erwerbung erworbener Eigenschaften, anerkannte). Die Natürliche Auslese beruht auf der Annahme eines Kampfes aller gegen alle, die – wie wir gesehen haben – bereits von Schopenhauer, als direkte Konsequenz seiner Philosophie, vorgeschlagen wurde. Auch die Abstammung des Menschen von anderen Primaten hat er vor Darwin publiziert, obwohl diese Ansicht wahrscheinlich schon eine gewisse Verbreitung unter Zoologen hatte. Seine Vorstellung der sukzessiven Wiederholung älterer Stammesformen im Laufe der Embryonalentwicklung, der Hinzufügung neuer Eigenschaften am Ende der Embryonalentwicklung (inzwischen wohl dokumentiert, siehe Rensch [4] Seiten 270-284) und der Entstehung neuer Arten im Uterus einer alten ist wahrscheinlich ebenfalls in seiner Zeit von anderen entwickelt worden. Interessant ist Schopenhauers Argumentation gegen Lamarcks Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften. Er sagt, dass der Wille des Tieres, als Ding an sich, ausserhalb der Zeit liegt, während Lamarck Anpassungen über die Zeit hin annimmt. “Er (Lamarck) setzt daher zuerst das Thier, ohne entschiedene Organe, aber auch ohne entschiedene Bestrebungen, bloss mit Wahrnehmung ausgerüstet: diese lehrt es die Umstände kennen, unter welchen es zu leben hat, und aus dieser Erkenntniss entstehn seine Bestrebungen, d.i. sein Wille, und aus diesem endlich seine Organe…”. In Schopenhauers Philosophie ist aber der Wille das Primäre als Ding an sich, welches ausserhalb der Zeit liegt. Mein knol über die Grundlagen der Philosophie Schopenhauers zeigt, dass sich der Wille in seinen vielen Erscheinungsfornen als Platonische Ideen (Tierarten u.a.) äussert. Ich interpretiere Schopenhauers Argumentation daher so, dass die Evolution nicht in der Zeit durch Vererbung erworbener Eigenschaften zu neuen Arten führt, sondern dass Arten bereits im “Gefüge” des Universums als Platonische Ideen prädeterminiert sind. Der gleiche Einwand wie gegen Lamarck liesse sich auch gegen den von Darwin vorgeschlagenen Mechanismus der natürlichen Auslese machen. Dies stimmt weitgehend überein mit der Ansicht Stuart Kauffmans [5], das “spontane Ordnung” in der Evolution wichtig ist, als Folge von Sebst-Organisation komplexer Systeme, obwohl auch natürliche Auslese eine Rolle spielt.

Wichtig ist Schopenhauers Aussage “Aus diesem Grunde lässt sich auch annehmen, dass nirgends, auf keinem Planeten, oder Trabanten, die Materie in den Zustand endloser Ruhe gerathen werde, sondern die ihr innewohnenden Kräfte (d.h. der Wille, dessen blosse Sichtbarkeit sie ist) werden der eingetretenen Ruhe stets wieder ein Ende machen……um als mechanische, physikalische, chemische, organische Kräfte ihr Spiel von neuem zu beginnen, da sie allemal nur auf den Anlass warten”. In anderen Worten, Leben muss sich fast automatisch einstellen, sobald die Gelegenheit, d.h. die erforderlichen, Bedingungen sich einstellen. Dies stimmt eng überein mit der Ansicht Stuart Kauffmans [5], dass Selbst-Organisation entscheidend ist und dass Leben wieder und wieder im Universum entstehen muss, sobald gewisse Bedingungen erfüllt sind. Wir sind nicht alleine im Universum!

Interessant ist auch, dass Schopenhauer eine Überbevölkerung für unwahrscheinlich hält, weil hohe Sterblichkeit zur Erhöhung der Geburtenrate führt und nicht umgekehrt, wie von vielen zu seiner Zeit angenommen. Gegenwärtige Erfahrungen scheinen dies zu bestätigen.

Zusammenfassend können wir sagen, dass Schopenhauer tatsächlich wichtige Erkenntnisse Darwins vorweggenommen hat, vor allem die des Kampfes aller gegen aller. In einigen Punkten geht er sogar über Darwin hinaus, so in der Annahme, dass eine Ordnung (im Sinne Platonischer Ideen) vorherbestimmt ist.

Es folgen Auszüge aus den relevanten Büchern.

Die Welt als Wille und Vorstellung I.Teil

Schopenhauer entwickelt hier die Grundvorstellungen seiner Philosophie, dass der Wille als Ding an sich, d.h. das hinter den Erscheinungen liegende Primäre, sich den Intellekt als sekundäres Instrument schafft (für Einzelheiten siehe http://knol.google.com/k/klaus-rohde/arthur-schopenhauer-grundlagen-seiner/xk923bc3gp4/70# . Lebewesen werden als im “endlosen und unversöhnlichen Kampf gegen einander gesehen“.

 

Parerga und Paralipomena II.Teil

 

§ 91.

Seite 175: “die Vermehrung der Sterbefälle ist es, welche zur Vermehrung der Geburten” führt, und nicht – wie behauptet, umgekehrt. Schopenhauer erklärt dies durch das Marriott’sche Gesetz, “dass mit der Kompression der Widerstand ins Unendliche zunimmt”. Schopenhauer postuliert, dass bei einer hypothetischen Ausrottung des Menschen die “prolifike Kraft eine dem Druck angemessene Gewalt erlangen” wird, dazu führend, dass durch  “generatio aequivoca in utero heterogeneo” (nach Schopenhauer auf den anonymen Verfasser der “Vestiges of natural history of Creation 6th edition 1847” zurückgehend, allerdings in weniger klarer Form) höhere Arten aus niederen in der Weise entstehen, dass “ausnahmsweise nicht mehr seines Gleichen, sondern die ihm zunächst verwandte, jedoch eine Stufe höher stehende Gestalt hervorgegangen wäre; so dass dieses Paar, dieses Mal, nicht ein blosses Individuum, sondern eine Species erzeugt hätte”. Schopenhauer, meint, dass nach den schon dreimal eingetretenen grossen Erdrevolutionen, in denen alles Leben völlig ausgelöscht wurde, derartige Prozess eintraten, was allerdings nur möglich war, “nachdem die alleruntersten Thiere sich, durch gewöhnliche generatio aequivoca, aus organischer Fäulnis, oder aus dem Zellengewebe lebender Pflanzen ans Licht emporgearbeitet hatten, als erste Vorboten und Quartiermacher der kommenden Thiergeschlechter”. Nach einer jeden Revolution sind jedesmal vollkommenere, d.h. der jetzigen Fauna ähnlichere Gestalten aufgetreten.

Schopenhauer führt als Beispiel, dass jeder Fötus sukzessive die  Formen der unter seiner Species stehenden Klassen” annimmt, “bis er zur eigenen gelangt”, die Batrachier an, die zuerst ein “Fischleben” führen, und fragt “Warum sollte nun nicht jede neue und höhere Art dadurch entstanden sein, dass diese Steigerung der Fötusform ein Mal noch über die Form der tragenden Mutter um eine Stufe  hinausgegangen ist?

“Wir haben aber diese Steigerung uns zu denken nicht als in einer einzigen Linie, sondern in mehreren nebeneinander aufsteigenden. So z.B. ist ein Mal aus dem Ei eines Fisches ein Ophidier, ein ander Mal aus diesem seinem ein Saurier, zugleich aber aus dem eines anderen Fisches ein Batrachier, dann aber aus diesem ein Chelonier” usw. hervorgegangen. “Überhaupt muss der Vorgang in vielen Ländern der Erde zugleich und in gegenseitiger Unabhängigkeit Stattgefunden haben, überall jedoch in sogleich bestimmten, deutlichen Stufen, deren jeder eine feste, bleibende Species gab; nicht aber in allmäligen, verwischten Übergängen…”.  “Wir wollen es uns nicht verhehlen, dass wir danach die ersten Menschen uns zu denken hätten als in Asien vom  Orang Utan und in Afrika vom Schimpansen geboren…”.

Er stellt diese seine Anschaung gegenüber der von Agazzis, der nur zwei Möglichkeiten sieht, dass die organische Welt entweder ein Werk der Zufalles oder aber ein “klug verfertigtes Kunstwerk” ist.

Bezüglich einer Gefahr der Überbevölkerung: Schopenhauer bezieht sich auf Schnurrer  (Chronik der Seuchen1825)  und Casper (Über die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen 1835), nach welchen Sterblichkeit und Lebensdauer “Schritt halt mit der Zahl der Zeugungen”, erklärt dies aber im Gegensatz zu Schnurrer dadurch, dass die Vermehrung der Sterbefälle zur Vermehrung der Geburten führt, und nicht umgekehrt. Eine Überbevölkerung, “dessen Entsetzlichkeit der lebhaftesten Phantasie” kaum vorstellbar ist,  wird deshalb vermieden.

§92

Schopenhauer benutzt einen Begriff der Species (Art), der nicht der modernen entspricht. Er sagt, dass Einheit der Species keineswegs Einheit des Ursprungs und Abstammung implicirt. “Sondern die Natur wiederholt, unter gleichen Umständen, aber an verschiedenen Orten, denselben Process”. In Bezug auf den Menschen meint er, dass “das Menschengeschlecht höchst wahrscheinlich nur an drei Stellen entstanden; weil wir nur drei bestimmt gesonderte Typen, die auf ursprüngliche Rassen deuten, haben: den kaukasischen, den mongolischen und den äthiopischen Typus. Und zwar hat diese Entstehung nur in der alten Welt Statt finden können. Denn in Australien hat die Natur es zu gar keinen Affen, in Amerika aber nur zu langgeschwänzten Meerkatzen, nicht aber zu den kurzgeschwänzten, geschweige zu den obersten, den ungeschwänzten Affengeschlechtern  bringen können, welche die letzte Stufe, vor dem Menschen, einnehmen. Ferner hat die Entstehung des Menschen nur zwischen den Wendekrisen eintreten können, weil in den anderen Zonen der neu entstandene Mensch im ersten Winter umgekommen wäre.” — In den heissen Zonen nun aber ist der Mensch schwarz, oder wenigestens dunkelbraun. Dies also ist, ohne Unterschiede der Rasse, die wahre, natürliche und eigenthümliche Farbe des Menschengeschlechts, und nie hat es eine von Natur weisse Rasse gegeben…….”. Einteilung in eine schwarze, weisse und gelbe Rasse ist daher falsch. Die Europäer sind infolge des klimatischen Einflusses allmählich weiss geworden, was sehr lange gedauert hat, wie gezeigt durch die Zigeuner, die von Indern abstammen und erst im 15. Jahrhundert nach Europa gelangten: ihre Farbe steht halbwegs zwischen der der Inder und Europäer. Höhere Zivilisation der nördlichen Menschen (abgesehen von den Ägyptern und Indern), ist eine Folge der “Noth”: in kälteren Gegenden mussten alle intellektuellen Kräfte entwickelt werden, um überleben zu können.

§ 93. Definition des Lebens

“Das Leben lässt sich definieren als der Zustand eines Körpers, darin er, unter beständigem Wechsel der Materie, seine ihm wesentliche (substanzielle) Form allezeit behält. –  Wollte man hier einwenden, dass auch ein Wasserstrudel, oder Wasserfall, seine Form, unter stetem Wechsel der Materie, behält; so wäre zu antworten, dass bei diesen die Form durchaus nicht wesentlich, sondern, allgemeine Naturgesetze befolgend, durch und durch zufällig ist….”.

§ 94

Schopenhauer verteidigt die Annahme einer für Lebewesen charakteristischen Lebenskraft, d.h. einer Naturkraft, für die wesentlich ist “zweckmässig zu verfahren”. Er  setzt diese Lebenskraft mit dem Willen identisch.

 

Über den Willen in der Natur (Kleinere Schriften)

Während frühere Philosophen den Willen als bedingt durch die Erkenntniss und “sogar meistens als eine blosse Funktion desselben angesehen haben”, nimmt Schopenhauer den Primat des Willens an, der sich den Intellekt, eine blosse Gehirnfunktion, sozusagen als Werkzeug schafft. Der Willen, als Ding an sich, ist völlig ursprünglich, seine Objektivation ist der Leib, und die Erkenntnis ist, als blosse Funtion, ein Teil dieses Leibes. Dies ist in meinem Knol: Arthur Schopenhauer, Grundlagen seiner Philosophie http://knol.google.com/k/klaus-rohde/arthur-schopenhauer-grundlagen-seiner/xk923bc3gp4/70#, besprochen worden.

Ausgehend von dieser Grundannahme nimmt Schopenhauer die Frage auf (Seite 242ff.), “ob die Lebensweise sich nach der Organisation gerichtet habe, oder diese nach jener. Auf den ersten Blick scheint das Erste das Richtigere, da der Zeit nach die Organisation der Lebensweise vorhergeht, und man meint, dass Thier habe die Lebensweise ergriffen, zu der sein Bau sich am besten eigenete,…”. Diese Annahme kann aber nicht erklären, dass die verschiednenen Teile eines Tieres sämtlich seiner Lebensweise genau entsprechen.
Dies beweist, dass “der Wille nicht als ein Hinzugekommenes, etwan aus der Erkenntniss Hervorgegangenes, die Werkzeuge benutzt, die er  gerade vorfindet,……sondern dass das Erste und Ursprüngliche das Streben ist, auf diese Weise zu leben”. Lamarck hat dies erkannt, aber falsch interpretiert, indem er behauptet, “dass die Gestalt, die eigenthümlichen Waffen und nach Aussen wirkenden Organe jeder Art, jeglicher Thierspecies, keineswegs beim Ursprung dieser schon vorhanden gewesen, sondern erst in Folge der Willensbestrebungen des Thieres, welche die Beschaffenheit seiner Lage und Umgebung hervorrief, durch seine eigenen wiederholten Anstrengungen und daraus entsprungenen Gewohnheiten, allmälig in Laufe der Zeit und durch die fortgesetzte Generation entstanden seien. So, sagt er, haben schwimmende Vögel und Säugethiere erst dadurch, dass sie beim Schwimmen die Zehen auseinander streckten, allmälig Schwimmhäute erhalten…”.
Schopenhauer hält dagegen, dass der Wille des Tieres, als Ding an sich,  ausserhalb der Zeit liegt. “Er (Lamarck) setzt daher zuerst das Thier, ohne entschiedene Organe, aber auch ohne entschiedene Bestrebungen, bloss mit Wahrnehmung ausgerüstet: diese lehrt es die Umstände kennen, unter welchen es zu leben hat, und aus dieser Erkenntniss entstehn seine Bestrebungen, d.i. sein Wille, und aus diesem endlich seine Organe…” “Hätte er (Lamarck) den Muth gehabt, es durchzuführen; so hätte er ein Urthier annehmen müssen, welches konsequent ohne alle Gestalt und Organe hätte sein müssen, und nun, nach klimatischen und lokalen Umständen und deren Erkenntniss, sich zu den Myriaden von Thiergestalten jeder Art …… umgewandelt hätte. – In der Wahrheit aber ist diese Urthier der Wille zum Leben: jedoch ist es als solcher ein Metaphysisches, kein Physisches.” – “…… seine Erscheinung …. ist das Thier, ausgerüstet mit allen Organen, die den Willen, unter diesen speciellen Umständen zu leben, darstellen. Zu diesen Organen gehört auch der Intellekt…”. —– Obwohl, wie von Saint-Hilaire nachgewiesen, die Zahl und Ordnung der Knochen (Saint-Hilaires “anatomisches Element”) bei den Wirbeltieren, dem Wesentlichen nach, unverändert bleibt, “besteht die grösste Wandelbarkeit, Bildsamkeit, Fügsamkeit dieser selben Knochen, in Hinsicht auf Grösse, Gestalt und Zweck der Anwendung: und diese sehen wir durch den Willen bestimmt werden, nach Massgabe der Zwecke, welche die äusseren Umstände ihm vorschreiben: er macht daraus, was sein jedesmaliges Bedürfniss heischt. Will er als Affe auf den Bäumen herumklettern; so greift er alsbald mit vier Händen nach den Zweigen und streckt dabei die Ulna nebst Radius unmässig in die Länge: zugleich verlängert er das os coccygis zu einem ellenlangen Wickelschwanze, um sich damit an die Zweige zu hängen und von einem Ast zum anderen zu schwingen. Hingegen werden jene selben Arm-Knochen bis zur Unkenntlichkeit verkürzt, wenn er als Krokodil im Schlamme kriechen, oder als Seehund schwimmen, oder als Maulwurf graben will….”. Dies ist nur zu verstehen dadurch, dass “der Leib des Thieres eben nur sein Wille selbst ist, angeschaut als Vorstellung, mithin unter den Formen des Raumes, der Zeit und der Kausalität, im Gehirne….”.

“Aus diesem Grunde lässt sich auch annehmen, dass nirgends, auf keinem Planeten, oder Trabanten, die Materie in den Zustand endloser Ruhe gerathen werde, sondern die ihr innewohnenden Kräfte (d.h. der Wille, dessen blosse Sichtbarkeit sie ist) werden der eingetretenen Ruhe stets wieder ein Ende machen……um als mechanische, physikalische, chemische, organische Kräfte ihr Spiel von neuem zu beginnen, da sie allemal nur auf den Anlass warten“.—– Zweckmässigkeit der Lebewesen ist illusorisch in dem Sinn, dass sie nur den vom Verstand erfassten Erscheinungen zukommt.  “Dies ist der Sinn der grossen Lehre Kants, dass die Zweckmässigkeit erst vom Verstande in die Natur gebracht wird…..”.

 

Quellen

[1] Schopenhauer’s Sämmtliche Werke in Fünf Bänden. Grossherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Insel Verlag Leipzig.
I. Die Welt als Wille und Vorstellung I. Teil.
II. Die Welt als Wille und Vorstellung II. Teil.
III. Kleinere Schriften.
IV. Parerga und Paralipomena. I. Teil.
V. Parerga und Paralipomena. II. Teil.

[2] Thomas Mann: Schopenhauer (1938). In : Leiden und Grösse der Meister. Fischer, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.

[3] Bertrand Russell: History of Western Philosophy. George Allen & Unwin, London 1946. (Deutsche Ausgabe, Hörbuch: Die Geschichte der Abendländischen Philosophie, Komplett-Media 2009).

[4] Bernhard Rensch: Neuere Probleme der Abstammungslehre. Ferdinand Enke Verlag Stuttgart (1954).

[5] Stuart A. Kauffman: The Origin of Order. Self-Organization and Selection in Evolution. Oxford University Press, New York Oxford (1993).

3 Comments

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  1. Anonymous

    Bemerkung zu Kants und Schopenhauers Ding an sich. — Eine wirklich interessante Zusammenstellung von Schopenhauer-Zitaten! – Zu ihrem Verständnis und allgemein zu dem von Schopenhauers Interpretation wissenschaftlicher Befunde ‘im Lichte seiner Philosophie’ möchte ich nachtragen: Kants Setzung, hinter jeder Erscheinung stecke ein ‚Ding an sich’ mit der Folge einer Vielzahl von Dingen an sich, bedeutet nach Schopenhauer einen (wirklich erstaunlichen) Selbstwiderspruch von Kants Lehre, der ja den Schluss von der Wirkung auf die Ursache als subjektive Urteilsform ohne objektive Gültigkeit bewiesen hat! Schopenhauer setzt im Gegenzug ausdrücklich im Singular als ‚Ding an sich’ den Willen, da man sich dessen als einzigem unmittelbar gewiss sei. Im Gegensatz zu hinter den Phänomenen verborgenen ‚Dingen an sich’ der Welt als Vorstellung (bloße Hirngespenster) postuliert er also die Welt als Wille als ein reales Element in seiner idealistischen Philosophie. Wer sich nun Kants ‚Ding an sich’ philosophisch abgewöhnt hat, muss trotzdem so handeln als ob es existierte, wenn er die Welt mittels kausaler Beziehungen beschreiben will; und mehr kann Wissenschaft nicht leisten. Schopenhauer aber lebte so fest in seinen Anschauungen, dass er meist metaphysisch antwortete, wenn es zur Physis Fragen gab (vgl. das Zitat im Knol: „In der Wahrheit aber ist dieses Urtier der Wille zum Leben: jedoch ist es als solcher ein Metaphysisches, kein Physisches.“) Es ist daher auch verständlich, dass ihn die Farbenlehre so sehr interessierte, die ja wie kaum eine andere Fragestellung mit dem wahrnehmenden Subjekt, seinem ‚Ding an sich’, verbunden ist, und dass es zu entsprechend typischen Urteilen kam. Nichts erläutert die ganze Situation besser, als ein von Gwinner überliefertes herrliches Gesprächsfragment, das vielleicht sogar aus der Zeit stammt, als Goethe Kants Vernunftkritik las: „Was!“ sagte er (Goethe) mir (Schopenhauer), mich mit seinen Jupiteraugen anblickend, „das Licht sollte nur da sein, insofern Sie es sehen? Nein, Sie wären nicht da, wenn das Licht Sie nicht sähe.“Selbst wo ein Schopenhauerscher Gedanke oberflächlich betrachtet dem eines Naturforschers ähnelt, etwa „das Leben als endloser und unversöhnlicher Kampf aller gegen alle“, ist also seine Deutung prinzipiell wissenschaftlich nur bedingt von Nutzen, da er ja die kausale Erklärung stets vom Kantschen Ding an sich der Erscheinung (Objekt) auf sein Ding an sich (Subjekt, Wille) zu verschieben gewohnt ist. Diesen Sachverhalt hat er selbst mit dem Satz, mit dem Klaus Rohdes Knol schließt, formuliert: „Dies ist der Sinn der großen Lehre Kants, dass die Zweckmäßigkeit erst vom Verstande in die Natur gebracht wird …“ Mit anderen Worten: Wir müssen, wenn wir verstehen wollen, in der Praxis so tun als ob … Vgl. dazu auch im Kapitel Epiphilosophie seine Aussage, dass wir „aus dieser Sphäre, worin alle Möglichkeit unseres Erkennens liegt“, nicht heraus können. (Josef Alvermann, Baden-Baden)

    • Klaus Rohde

      Vielen Dank. Eine ausgezeichnete Klarstellung. Könnte man hieraus schliessen, dass Schopenhauers Philosophie zum Pragmatismus hinüberleitet? (“Wir müssen, wenn wir verstehen wollen, in der Praxis so tun als ob”).Ferner:”Aus diesem Grunde lässt sich auch annehmen, dass nirgends, auf keinem Planeten, oder Trabanten, die Materie in den Zustand endloser Ruhe gerathen werde, sondern die ihr innewohnenden Kräfte (d.h. der Wille, dessen blosse Sichtbarkeit sie ist) werden der eingetretenen Ruhe stets wieder ein Ende machen……um als mechanische, physikalische, chemische, organische Kräfte ihr Spiel von neuem zu beginnen, da sie allemal nur auf den Anlass warten”.”Könnte man das in Zusammenhang bringen mit dem Befund der Quantenphysik, dass es ein Vacuum garnicht geben kann, wegen des Heisenbergschen Unbestimmtheitsprinzips? Zumindest eine interessante Übereinstimmung.

    • Anonymous

      Schopenhauers Intellekt, Charakter, Temperament, seine kaufmännische Lehre, seine frühe kosmopolitisch ausgerichtete Erziehung, Aufenthalte in fremden Ländern und das Erlernen vieler Fremdsprachen, sein unabhängiges Denken und sein Umgang mit Goethe, der ihn sehr schätzte, bezeugen klar seinen originären ungewöhnlichen Realitätssinn, und gerade seine schmerzliche Erfahrung vom Wesen und der Lage des Menschen in der Welt – er zitiert Platon: „philosophisches Pathos“ (gr. Leiden) – bewirkte, dass er sein Leben mit Leidenschaft der philosophischen Erkenntnis widmete. Der pragmatisch getönte und scheinbar resignierend wirkende Satz im späten Kapitel Epiphilosophie beschreibt nur eine ewige Notwendigkeit. Schopenhauers Trachten orientiert sich an seiner bekannten Definition im Hauptwerk: „Das ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflektiertes Abbild in bleibenden und stets bereit liegenden Begriffen der Vernunft niederzulegen: dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ Er strebte nicht nach formal einfachen, durch Messen und Wiegen feststellbaren praktischen Erkenntnissen wie die Naturwissenschaften, die er aber nicht gering schätzte. Er bedauerte im Gegenteil zutiefst, dass „Goethes Liebling“ Spinoza (so in einem Brief an ihn; es war wohl auch seiner) rund 150 Jahre vor dieser Klage nicht ebenfalls die bereits reichen Erkenntnisse der Wissenschaften zur Verfügung standen. Quantitative und andere formale Relationen, wie sie von den Naturwissenschaften festgestellt werden, sind also nirgendwo das Ziel der Philosophie (Schopenhauers), zu denen sie nicht in Konkurrenz treten kann und will. Der more geometrico zur Hybris gesteigerte Rationalismus (ratio = lat. Rechnen, bloß sekundär „Vernunft“) wurde neben so vielem anderem schon vom (so Schopenhauer) Alleszermalmer Kant vernichtet – eben positiv ausgedrückt im letzten Zitat des Knol: „Dies ist der Sinn der großen Lehre Kants ….“ (Josef Alvermann, Baden-Baden)

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