Klaus Rohde Erinnerungen V. University of Queensland, University of Khartoum, Sudan.

· Erinnerungen
Authors

University of Queensland in Brisbane, Department of Parasitology

Die Universität ist eine der bedeutendsten in Australien und sogar der Welt. Das parasitologische Institut war das einzige in Australien, obwohl parasitologische Forschung auch an verschiedenen zoologischen Instituten anderer Universitäten, und vor allem durch die CSIRO und das Walter and Eliza Hall Institute of Medical Research in Melbourne, betrieben wurde, das letztere vor allem berühmt durch zahlreiche dort durchgeführte Arbeiten über Immunologie, Virologie und, auf dem Gebiet der Parasitologie, Malaria. Der Nobelpreisträger Sir Frank Macfarlane Burnett war lange Direktor des Institutes. Zur CSIRO (Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation), einer der grössten Forschungsorganisationen der Welt, gehören eine Kette von über ganz Australien verstreute Institute, die zahlreiche für die Nation wichtige Forschungen betreiben, darunter Parasitologie vor allem wirtschaftlich wichtiger Arten. Professor John Sprent, der Leiter des parasitologischen Institutes in Brisbane, den ich auf einem UNESCO-Symposium in Singapore kennengelernt hatte, ist bekannt durch seine Arbeiten über Nematoden und theoretische Beiträge zum Verständnis des Parasitismus, zusammengefasst in seinem Buch “Parasitism. An Introduction to Parasitology and Immunology….”. Er war über viele Jahre Herausgeber des “International Journal for Parasitology”, einer der international führenden Zeitschriften auf dem Gebiet der Parasitologie.Ich war zwei Jahre lang am Institut und führte elektronenmikroskopische Arbeiten durch, vor allem aber gelang es mir während mehrerer Besuche der Heron Island Research Station auf dem Grossen Barriere Riff, den Lebenszyklus der Aspidogastrea-Art Lobatostoma manteriaufzuklären. Dies war wichtig, weil es Hinweise darauf gibt, dass die Aspidogastrea “primitive” Vorfahren der anderen Trematoden (Saugwürmer) sind und Kenntnis ihrer Lebenszyklen daher vielleicht Schlüsse auf den evolutionären Ursprung der oft ausserordentlich komplexen Lebenszyklen solcher Trematoden ermöglicht.



Lebenszyklus vonLobatostoma manteri. Der Endwirt,Trachinotus blochi, zermalmt mit juvenilen Würmern infizierte Schnecken zwischen seinen Mundplatten, die Würmer reifen im Darm des Fisches, Eier werden im Kot ausgeschieden und von Schnecken gefressen. Juvenile Würmer entwickeln sich in den Schnecken zu Juvenilen. Es handelt sich bei diesem Lebenszyklus um den einfachsten obligatorischen Zwei-Wirte-Zyklus von Saugwürmern.

Die Postdoctoral Fellowship, ein Forschungsstipendium, war auf zwei Jahre begrenzt und so bewarb ich mich um verschiedene Stellen, darunter die des Direktors der Heron Island Research Station und die eines Readers an der University of Khartoum im Sudan. Ein Reader im englischen System entspricht so etwa einem Ausserordentlichen Professor (C3) im deutschen System. Mir wurde die letztere Stelle angeboten, die ich auch annahm. Erst später bekam ich auch die Zusage für die erstere.

Nach Ablauf meines Forschungsstipendiums flog ich also, nach Zwischenstation in Deutschland, Mitte 1972 nach Khartoum.

Sudan

Der Sudan hatte gerade eine Zeit politischer Instabilität hinter sich. Eine Militärdiktatur war durch einen kommunistischen Coup abgelöst worden, doch wurde die Militärdiktatur nach kurzer Zeit unter Oberst Gaafar Nimeiry 1971 wieder hergestellt. Allerdings gingen die Kämpfe im Süden des Sudans zwischen dem arabisch-islamistischen Norden und dem vorwiegend christlich-animistischen Süden weiter.

Khartoum, Sudan

Khartoum, die Hauptstadt des Sudan, liegt am Zusammenfluss des weissen und blauen Nils, umgeben von Wüste. Eine Eisenbahnlinie verbindet die Stadt mit Port Sudan und Sawakin am Roten Meer. Der Nil trennt zwei Teile der Stadt, Omdurman auf der linken und Khartoum, wo auch mein Haus und die Universität lagen, auf der rechten Flusseite. Ich kaufte einen alten VW-Kleinbus, für Reparaturen musste ich über die Nilbrücke nach Obdurman fahren.





Schnappschüsse aus der Umgebung von Khartoum

University of Khartoum

Die Universität war während der britisch-ägyptischen Kolonialzeit gegründet worden. Ich hatte die Stelle von Professor J.S. Cloudsley Thomson übernommen, der viele Jahre dort war, bekannt durch seine Untersuchungen über Wüstenbiologie, insbesondere der circadischen Rhythmen von Wüstentieren. Meine Kollegen waren zumeist Sudanesen, die ihre Ausbildung im Ausland erhalten hatten, und ein Tamile, Dr. Amarthilingam (?), der mit einer Engländerin verheiratet und vorher Fischereidirektor in Sri Lanka gewesen war. Er war sehr bitter über die Verhältnisse in Sri Lanka, da der Konflikt zwischen der singalesischen Mehrheit und den Tamilen zum Verlust seiner Stellung geführt hatte. Er hielt sich nur während der Semester in Khartoum auf und flog während der Semesterferien zurück nach London zu seiner Frau. – Die Dozenten anderer Institute kamen aus allen möglichen Gegenden. Ich hatte besondere Kontakte zu Dozenten aus Island und Bulgarien, und eine meiner Nachbarn war eine deutsche Islamisten, die – wie ich später erfuhr – berühmt für ihre Sammlungen islamischer Märchen war. – Ich war in einem Haus untergebracht, dessen Kanalisation sehr zu wünschen übrig lies. Übrigens konnte man sich Bier von einer Verkaufsstelle ganz legal besorgen.





Ansichten der University of Khartoum

Das Rote Meer, Sawakin

Die Universität unterhielt eine kleine Forschungsstation am Roten Meer, gelegen in Sawakin, einer kleinen alten Stadt gegenüber Jedda in Saudi-Arabien. Wir benutzten die für Pilger nach Mecca gebauten Hütten als Quartier während einer Studentenexkursion ans Rote Meer. Die Exkursion sollte von mir, Dr. Amarthilingam und zwei weiteren Kollegen geleitet werden. Man gelangte zur Station entweder mit der Bahn oder, nach einem Flug von Khartoum nach Port Sudan, mit dem Jeep. Dr. Amarthilingam und ich flogen, doch musste das Flugzeug der Sudan Arlines wegen hydraulischer Probleme kurz vor der Landung in Port Sudan nach Khartoum zurückfliegen und dort eine Notlandung machen. Dr. Amarthilingam, der einen als Ingenieur bei der sudanesischen Fluglinie arbeitenden indischen Freund hatte und über die häufigen technischen Probleme Bescheid wusste, sowie der englische Pilot weigerten sich, auf die Reparatur zu warten und den Flug noch einmal zu wagen. Ein neuer Pilot flog uns dann erfolgreich ans Ziel. Ich fühlte mich völlig entspannt, was mir wieder einmal zeigte, dass man in der Jugend mehr wagt als im Alter; auch in Burma, Nepal und Afghanistan traute ich mein Leben wackligen Flugzeugen an, was ich heute niemals tun würde. – Meine anderen Kollegen und die Studenten waren per Bahn gefahren. – Die Studenten an der Universität waren vor allem Araber aus dem Norden und einige wenige Nicht-Araber aus dem Süden. Ich wollte den einzigen Südsudanesen auf der Exkursion ein kleines Forschungsprojekt machen lassen, wofür der Besuch verschiedener arabischer Häuser nötig war, wurde aber von einem Kollegen gewarnt, dass dies ernsthafte Folgen für die Sicherheit des Studenten haben könne. Der Student sprach wiederholt mit mir über die Verhältnisse im Süden. Sein Vater war anscheinend ein Stammesführer. – Besonders beeindruckten mich die Gebete der Studenten. Zu bestimmten Zeiten versammelten sie sich, stellten sich in einer Reihe auf, einer übernahm die Rolle eines “Vorbeters”, sozusagen impromptu Imams, und, nach Mecca gewandt, das ja nicht sehr weit entfernt war, beteten sie. Einmal fragten sie mich, warum ich nicht Moslem würde. Auf meine Antwort, dass ich mich da vorne nicht gerne beschneiden liess, lachten sie alle.



Sawakin am Roten Meer.



Mit Studenten in Sawakin. Im Hintergrund unsere auch von Pilgern nach Mecca benutzten Unterkünfte. Alle Studenten mit Ausnahme des in der letzten Reihe in der Mitte stehenden aus dem Norden.

Für die Rückfahrt nach Khartoum benutzten wir alle den Zug, eine Fahrt die viele Stunden dauerte. Die Zeit verbrachten wir mit Kartenspiel und Unterhaltungen, einige Studenten sangen auch. Alle sehr sympatisch und intelligent.



Mit der Bahn von Sawakin nach Khartoum. An einem Bahnhof.

Ich hatte mich vom Sudan aus um Stellen in Deutschland beworben, unter anderem auch am Tropeninstitut in Hamburg, ohne Erfolg. Doch wurde mir die Stelle des Direktors der Heron Island Research Station angeboten, die ich annahm. Also ging es gegen Ende des Jahres zurück nach Australien, mit etwas schlechtem Gewissen, weil ich Studenten und Kollegen nach so kurzer Zeit wieder verlassen musste. Doch hatte ich keine andere Wahl: eine Stelle im Sudan wäre nur dann auf die Dauer sinnvoll gewesen, wenn ich mit einiger Sicherheit schliesslich nach Deutschland hätte zurückkehren können. Meine erneut gemachten Erfahrungen zeigten aber, das diese Sicherheit nicht bestand. – Der Sudan und seine Menschen sind mir immer in guter Erinnerung geblieben und ich frage mich manchmal, wie sich mein weiteres Leben entwickelt hätte, wenn ich dort geblieben wäre. Arbeitsmöglichkeiten für einen Parasitologen waren hervorragend: Parasiten von Nilfischen und Meerestieren im Roten Meer, Parasiten von wirtschaftlich wichtigen Tieren wie Kamelen, Eseln usw., und Parasiten von verschiedenen Wüstentieren und ihre Anpassungen, noch nie untersucht !

Andere Teile meiner Erinnerungen hier.

%d bloggers like this: