Schopenhauers Philosophie der Kunst

· Kunst, Philosophie, Schopenhauer
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Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung I.Teil, Drittes Buch. Die Platonische Idee: Das Objekt der Kunst.

In den ersten beiden Büchern des ersten Teiles seines Hauptwerkes, “Die Welt als Wille und Vorstellung”, befasst sich Schopenhauer mit der Welt als Vorstellung, und der Welt als Wille. Der dritte Teil befasst sich mit  den philosophischen Grundlagen der Kunst. In ihm führt er aus, dass die Aufgabe der Kunst die Erfassung und Darstellung der platonischen Ideen ist, d.h. dessen, was den flüchtigen und sich laufend ändernden Erscheinungen zugrunde liegt. Hierzu in der Lage ist ein Genie, das sich “vom Dienste des Willens” losreissen kann und sich zur reinen Erkenntnis durchringt.

“Während die Individuen, in denen sie” (d.h. die Platonische Idee) “sich darstellt, unzählige sind und unaufhaltsam werden und vergehen, bleibt sie unverändert als die eine und selbe stehen,….”

“Platon nun aber sagt: “Die Dinge dieser Welt, welche unsere Sinne wahrnehmen, haben gar kein wahres Seyn: sie werden immer, sind aber nie: sie haben nur ein relatives Seyn, sind insgesammt nur in und durch ihr Verhältniss zu einander….”

“Dem Dienste des Willens bleibt nun die Erkenntniss in der Regel immer unterworfen….”

“Der…..mögliche, aber nur als Ausnahme zu betrachtende Uebergang von der gemeinen Erkenntniss einzelner Dinge zur Erkenntniss der Idee geschieht plötzlich, indem die Erkenntniss sich vom Dienste des Willens losreisst….”

“Was im einzelnen vorhandenen Dinge nur unvollkommen und durch Modifikationen geschwächt da ist, steigert die Betrachtungsweise des Genius zur Idee davon, zum Vollkommenen…”

“Durch alle diese Betrachtungen wünsche ich deutlich gemacht zu haben, welcher Art und wie gross der Antheil sei, der am ästhetischen Wohlgefallen die subjective Bedingung derselben hat, nämlich die Befreiung des Erkennens vom Dienste des Willens, das Vergessen seiner selbst als Individuums und die Erhöhung des Bewusstseyns zum reinen, willenslosen, zeitlosen, von allen Relationen unabhängigen Subjekt des Erkennens.”

 

Schopenhauer schreibt, dass die willenlose Kontemplation, die rein objektive Anschauung selbst auf die unbedeutendsten Gegenstände gerichtet sein kann, wie es zum Beispiel in den niederländischen Stilleben zum Ausdruck kommt; und in diesem Photo (“Honigbiene”) von Josef Alvermann. © Josef Alvermann, Baden-Baden.

Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung II.Teil. Drittes Buch. Ergänzungen zum Dritten Buch.

Im dritten Buch des ersten Teiles der “Welt als Wille und Vortstellung” legte Schopenhauer die philosophische Grundlage seiner Kunstauffassung, im dritten Buch des zweiten Teiles untermauert er diese Grundauffassung durch mehr ins Einzelne gehende Ausführungen und Beispiele. Diese Ausführungen sind ausserordentlich detailliert und betreffen zum Beispiel die Merkmale des Genies, die verschiedenen Teilkünste (Skulptur, Malerei, Poesie, Roman, Symphonie, Oper, usw.usw.).

 

Kapital 34. Ueber das Innere Wesen der Kunst.

“Nicht bloss die Philosophie, sondern auch die schönen Künste arbeiten im Grunde darauf hin, dass Problem des Daseyns zu lösen. Denn in jedem Geiste, der sich ein Mal der rein objektiven Betrachtung der Welt hingibt, ist …… ein Streben rege geworden, das wahre Wesen der Dinge, des Lebens, des Daseyns, zu erfassen.”

“Allein die Künste reden sämmtlich nur die naive und kindliche Sprache der Anschauung, nicht die abstrakte und ernste der Reflexion…..”

“Jedes Kunstwerk ist demgemäss eigentlich bemüht, uns das Leben und die Dinge so zu zeigen, wie sie in Wahrheit sind, aber, durch den Nebel objektiver und subjektiver  Zufälligkeiten hindurch, nicht von jedem unmittelbar erfasst werden können. Diesen Nebel nimmt die Kunst hinweg.”

“Die …. zum Genuss eines Kunstwerkes verlangte Mitwirkung des Beschauers beruht zum Theil darauf, dass jedes Kunstwerk nur durch das Medium der Phantasie wirken kann…” ….. “Hierauf beruht es, dass die Skizzen grosser Meister oft mehr wirken, als ihre ausgemalten Bilder; wozu freilich noch der andere Vorteil beiträgt, dass sie aus einem Guss, im Augenblick der Konception vollendet sind;…”

 

Kapitel 37. Zur Aesthetik der Dichtkunst.

“Alls die einfachste und richtigste Definition der Poesie möchte ich diese aufstellen, dass sie die Kunst ist, durch Worte die Einbildungskraft ins Spiel zu versetzen.”


Kapitel 39. Zur Metaphysik der Musik.

“Weil die Musik nicht, gleich allen anderen Künsten, die Ideen, oder Stufen der Objektivation des Willens, sondern unmittelbar den Willen selbst darstellt; so ist hieraus auch erklärlich; dass sie auf den Willen, d.i. die Gefühle, Leidenschaften und Affekte des Hörers, unmittelbar einwirkt, so dass sie dieselben schnell erhöht, oder auch umstimmt. – So gewiss die Musik, weit entfernt eine blosse Nachhülfe der Poesie zu seyn, eine selbständige Kunst, ja die mächtigste unter allen ist und daher ihre Zwecke ganz aus eigenen Mitteln erreicht; so gewiss bedarf sie nicht der Worte des Gesanges, oder der Handlung einer Oper. Die Musik als solche kennt allein die Töne, nicht aber die Ursachen, welche diese hervorbringen.”

“…so zeigt uns eine Beethoven’sche Symphonie die grösste Verwirrung, welcher doch die vollkommenste Ordnung zum Grunde liegt, den heftigsten Kampf, der sich  im nächsten Augenblick zur schönsten Eintracht gestaltet: es ist rerum concordia discors, ein treues und vollkommenes Abbild des Wesens der Welt, welche dahin rollt, im unübersehbaren Gewirre zahlloser Gestalten und durch stete Zerstörung sich selbst erhält.”

 

Parerga und Paralipomena II. Teil. Kapitel XIX. Zur Metaphysik des Schönen und Ästhetik.

In den Parerga und Paralipomena liefert Schopenhauer weitere Ergänzungen zu verschiedenen Aspekten seiner Philosophie, im 19. Kapitel zu seiner Kunstauffassung.

“Das eigentliche Problem der Metaphysik des Schönen lässt sich sehr einfach so ausdrücken: wie ist Wohlgefallen und Freude an einem Gegenstand möglich, ohne irgend eine Beziehung desselben auf unser Wollen? – Meine Lösung ist gewesen, das wir im Schönen allemal die wesentlichen und ursprünglichen Gestalten der belebten und unbelebten Natur, also Plato’s Ideen derselben, auffassen, und dass diese Auffassung zu ihrer Bedingung ihr wesentliches Korrelat, das willensreine Subjekt des Erkennens, d.h. eine reine Intelligenz ohne Absichten und Zwecke, habe.”

“Allgemein und zugleich populär redend kann man den Aussprach wagen: die Musik überhaupt ist die Melodie, zu der die Welt der Text ist.”

Einige Bemerkungen zu speziellen Fragen:

“Es verdient bemerkt zu werden, dass in der Musik der Werth der Komposition den der Ausführung überwiegt; hingegen beim Schauspiel es sich gerade umgekehrt verhält.”

“Ein ächtes Kunstwerk darf eigentlich nicht, um geniessbar zu sein, den Präambel einer Kunstgeschichte  nötig haben.”

 

Einflüsse der Kunstphilosophie Schopenhauers

Die Philosophie Schopenhauers hat immer den grössten Einfluss auf Künstler im weitesten Sinne (d.h. Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker) ausgeübt, obwohl auch viele Philosophen durch ihn beeinflusst waren, so Nietzsche, Wittgenstein und Popper.

Thomas Mann schreibt, dass Leo Tolstoi Schopenhauer “den genialsten aller Menschen” nannte, und dass er für Richard Wagner  “ein wahres Himmelsgeschenk” war. Unter den grossen Komponisten waren neben Wagner vor allem Gustav Mahler, Richard Strauss und Arnold Schoenberg von ihm beeinflusst, unter Schriftstellern Samuel Beckett, Eugene O’Neill, Wilhelm Busch, Thomas Mann und Jorge Luis Borges. Da es ja wohl kaum moderne Komponisten gibt, die nicht in irgendeiner Hinsicht von Wagner beeinflusst waren, und da Wagners Musik entscheidend durch Schopenhauer geprägt war (Wagner widmete seine Oper Tristan uind Isolde dem Philosophen) ist es wohl richtig festzustellen, dass er auch einen grossen Einfluss auf jene Komponisten hatte, die seine Philosophie vielleicht nicht direkt kannten. Die Gründe für diesen Einfluss sind wohl am treffendsten von Thomas Mann in seinem Aufsatz “Schopenhauer” (1938) dargestellt worden:
“Die Philosophie Arthur Schopenhauers ist immer als hervorragend künstlerisch, ja als Künstlerphilosophie par excellence empfunden worden. Nicht weil sie in so hohem Grade, zu einem grossen Teile Philosophie der Kunst ist – tatsächlich nimmt ihre “Ästhetik” ein volles Viertel ihres ganzen Umfanges ein -; auch nicht sowohl, weil ihre Komposition von so vollendeter Klarheit, Durchsichtigkeit, Geschlossenheit, ihr Vortrag von einer Kraft, Eleganz, Treffsicherheit, einem leidenschaftlichen Witz, einer klassischen Reinheit und grossartig heiteren Strenge des Sprachstils ist, wie dergleichen nie vorher in deutscher Philosophie gewahrt worden war: dies alles ist nur “Erscheinung”, der notwendige und angeborene Schönheitsausdruck nur für das Wesen, die innerste Natur dieses Denkertums, eine spannungsvolle, emotionale, zwischen heftigen Kontrasten, Trieb und Geist, Leidenschaft und Erlösung spielende, kurzum dynamisch-künstlerische Natur, die gar nicht anders als in Schönheitsformen, nicht anders denn als persönliche, durch die Kraft ihrer Erlebtheit, Erlittenheit überzeugende Wahrheitsschöpfung sich offenbaren kann.”

Einige Philosophen mit einer rein mathematisch-analytischen Grundeinstellung stehen dieser ästhetisch geprägten Philosophie weitgehend verständlos gegenüber. Dies scheint mir, zum Beispiel, bei Bertrand Russell der Fall zu sein, und es scheint die Ursache dafür zu sein, dass Schopenhauer in der modernen analytischen Philosophie eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl Ludwig Wittgenstein, unter anderem, sich auf ihn beruft.

 

Schlussbemerkung

Alle Zitate stammen aus der Grossherzog Wilhelm Ernst Ausgabe von “Schopenhauer’s Sämmtliche Werke in Fünf Bänden”, Inselverlag Leipzig.  Schopenhauer verbat sich jegliche typographische und grammatikalische Änderungen seiner Texte, und so habe ich  alle Texte ohne Änderungen übernommen (abgesehen von “ss”). Auf Rüdiger Safranski wurde ich durch Josef Alvermann, Baden-Baden, hingewiesen.

Siehe auch die Knols über Schopenhauers Philosophie,
Arthur Schopenhauer, Grundlagen seiner Philosophie,
Arthur Schopenhauer, Vorgänger Darwins? und Was ist Kunst?


Danksagung

Ich danke Josef Alvermann, Baden-Baden, für das Farbphoto.

 

Quellen und fortführende Literatur

Schopenhauer’s Sämmtliche Werke in Fünf Bänden.  Grossherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Insel Verlag Leipzig.

Thomas Mann: Schopenhauer (1938). In : Leiden und Grösse der Meister. Fischer, Frankfurt am Main und Hamburg 1957.

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Fischer (TB.), Frankfurt (2001).

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