Klaus Rohde Erinnerungen IV. Malaya und Habilitation in Bochum

· Erinnerungen, Memoirs, Parasitology, Politik
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Reise nach Singapore und Kuala Lumpur

Ich hatte mich um die Stelle eines lecturer’s (Dozenten) für Zoologie an der University of Malaya, Kuala Lumpur beworben, die in der wissenschaftlichen Zeitschrift “Nature” ausgeschrieben worden war. Professor John Hendrickson, ein Amerikaner, hatte mich während einer Europareise in Amsterdam interviewt, und kurz darauf wurde mir die Stelle angeboten. – Die Zeit bis zum Antreten der neuen Stelle überbrückte ich durch Arbeit an der Vogelwarte Helgoland in Wilhelmshaven. In Wilhelmshaven entwickelte sich eine Blinddarmentzündung, die operiert wurde. Ich lag etwa 10 Tage im Krankenhaus, weil etwas schief gegangen war. Die Zeit benutzte ich dazu, meine erste Vorlesung für Malaya, über Crustaceen, auszuarbeiten, die ich allerdings nie hielt. Mein Englisch war nicht besonders, da auf der Schule Russisch und Lateinisch unsere ersten Fremdsprachen waren. Schliesslich ging die Reise los, die von der Universität bezahlt wurde. Ich hatte die Wahl zwischen Flug und Seereise, entschied mich aber für die letztere, um mein Englisch während der Reise aufzupolieren. Um die Nachwirkungen meiner verpfuschten Blinddarmoperation auszuheilen, musste ich jeden Tag den Schiffsarzt besuchen, und einige Monate nach Eintreffen in Malaya erneut operiert werden. – Das Schiff, das mich von Bremerhaven nach Singapore beförderte, war die MS Bayernstein des Norddeutschen Lloyd.



Die Reise ging über Genua, den Suezkanal und Djibouti und dauerte drei Wochen. Eine grossartige Erfahrung: ich hatte noch nie eine Schiffsreise unternommen und war noch nie in den Tropen.1960. Auf der Bayernstein des Norddeutschen Loyds von Bremerhaven nach Singapore. Die Bayernstein war ein Kombischiff (kombinierter Frachter und Passagierschiff), gebaut 1955, mit etwa 9000Tonnen.

Im Hafen von Singapore wartete Professor Hendrickson auf mich, um mich des nachts nach Kuala Lumpur zu fahren, damals noch über eine gewundene enge Strasse, die durch Ölpalmen- und Gummiplantagen und teilweise den Dschungel führte.

Eindrücke von Singapore und Malaya

Malaya war erst 1957 unabhängig geworden und die sogenannte “emergency” (Notstand), die 1948 ausgerufen worden war, wurde erst Ende Juli 1960, d.h. kurz nach meinem Eintreffen, für beendet erklärt. Der Notstand war eine Periode des Kampfes der britischen Kolonialtruppen mit kommunistischen Guerillas, zumeist Chinesen. 1963 wurde Malaysia mit dem Einschluss Sabahs, Sarawaks in Nordborneo, und Singapores gebildet. Singapore jedoch wurde 1965 wieder ausgeschlossen, aufgrund der durch Singapores Beitritt erfolgten starken Zunahme der chinesischen Bevölkerung (40%, nach dem Ausschluss Singapores etwa 30%) und der angenommenen Bedrohung des ethnischen Gleichgewichtes. Zu meiner Zeit (1962-66) spielte sich auch die Konfrontation (“Konfrontasi”) zwischen Indonesien und Malaysia ab, die ihren Ursprung in Versuchen Indonesiens hatte, die Bildung eines grösseren Malaysia zu verhindern.Singapore hatte damals noch kein einziges Hochhaus, und die Chinatown war “traditionell”, mit engen Strassen und alten Gebäuden, heute alles abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. Ebenso Kuala Lumpur, heute eine moderne Metropole mit Hochhäusern, von denen eines den Anspruch des höchsten in der Welt erhob.



Fischerboote bei Ebbe in Singapore oder Port Swettenham (jetzt Port Klang) nahe Kuala Lumpur.

Die Landschaft Malayas faszinierend und unvergesslich. Damals vieles noch nicht berührt von der zerfressenden wirtschaftlichen Entwicklung, obwohl Ölpalmen- und Gummi-Plantagen sowie Zinnminen schon weite Flächen verunstaltet hatten. Der Taman Negara (Nationalpark) im Innern Malayas heute für Touristen zugänglich, damals aber fast ausschliesslich echter, fast undurchdringlicher Dschungel, durch den man sich mittlels eines Parangs (Dschungelmessers) kämpfen musste.Das Essen enorm vielfältig. Die Kantonesen aus Südchina, die den Grossteil der chinesischen Bevölkerung stellten, hatten ihre Restaurants, ebenso die Hakkas (Mandarin-sprechende Chinesen ursprünglich aus Nordchina, die während einer der dynastischen Umwälzungen nach Südchina gelangt waren), und andere chinesische Volksgruppen. Es gab viele indische Restaurants (die meisten Inder in Malaya waren Tamilen, von den Briten als Arbeitskräfte auf Plantagen importiert, doch gab es auch Sikhs, und Singalesen aus Sri Lanka, usw.). Selbst ein weiss-russisches Restaurants gab es, mit riesigen Wasserbüffel-Steaks. Und natürlich hatten die Malaien ihr typisches Essen, ähnlich dem indonesischen. Sehr populär waren Plätze, meist im Freien, mit vielen kleinen Verkaufsstellen, wo man sich das Menu selbst zusammenstellen konnte.



Eindrücke von Malaya. Links unten das Zoologische Institut.

Die University of Malaya



University of Malaya, Eingang, im Hintergrund Universitätsgebäude, rechts oben das “Language Institute”, heute Islamic University

Die University of Malaya war ursprünglich in Singapore und erst 1961 wurden für die beiden Zweige, Singapore und Kuala Lumpur, getrennte Universitäten errichtet, die University of Singapore (jetzt National University of Singapore) und die University of Malaya.

Alle Dozenten des zoologischen Institutes ausser mir waren ursprünglich in Singapore. Gemäss der Wikipedia hat die University of Malaya einen weltweiten Rang unter den ersten 200, und die University of Singapore liegt zur Zeit auf Rang 30. In Kuala Lumpur waren die biologischen Wissenschaften wie Zoologie und Botanik wegen der einzigartigen Flora und Fauna immer besonders stark. Vice-Chancellor (Rektor) der Universität war zu meiner Zeit (bis 1965) ein berühmter Mathematiker, Professor Sir Alexander Oppenheim, besonders bekannt durch die Oppenheim Conjecture. Auch er war ursprünglich in Singapore. Kanzler war Tunku Abdul Rahman, der Premierminister der malayischen Föderation. Nach dem Rücktritt Sir Alexander Oppenheims wurde Professor Rayson Huang, ein Chemiker, Aktierender Rektor; er wurde später Rektor der University of Hongkong. Einige international führende Wissenschaftler waren an der Universität, wie zum Beispiel Professor Christie Jayaratnam Eliezer, wohl bekannt durch seine Beiträge zur theoretischen Physik und Mathematik; er war ein Tamil aus Sri Lanka, promovierte bei Paul Dirac, und ging später an die LaTrobe University in Melbourne in Australien. Das Zoologische Institut war geräumig, mit klimatisierten Räumen. Es gelang mir, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein gutes Forschungsmikroskop, einen Mikromanipulator, sowie eine Anzahl wissenschaftlicher Bücher zu erlangen. Besonders günstig war, dass das Institut gut mit technischen Assistenten und Assitentinnen versorgt war. So hatte ich zwei persönliche Assistenten. Ausserdem hatten wir gut qualifizierte Leute, die uns auf Expeditionen begleiteten und auch in den Laboratorien halfen. – Der menschliche Kontakt mit Kollegen, Studenten und technischen Assistenten/innen war ausgezeichnet. Das folgende Photo zum Beispiel wurde aufgenommen während der Hochzeitsfeier eines unserer Oberassistenten, Teo, mit der Tochter eines anderen Oberassistenten, eines Dayaks aus Nordborneo, der sich gelegentlich im angeheiterten Zustand damit brüstete, in seiner Jugend Kopfjäger gewesen zu sein. Einige Dayaks sind dafür ja wohlbekannt.

Hochzeit unseres Oberassistenten.

Unterrichtssprache an der Universität war zu meiner Zeit Englisch, das aber nach meinem Weggang durch Malayisch ersetzt wurde. Schulen waren malayisch (Bahasa kebangsaan), chinesisch (Mandarin) oder englisch.Chinesische Hochzeit. Unser Oberassistent heiratet. Im Vordergrund Mitte Professor John Hendrickson.ExpeditionenKurz nach meiner Ankunft unternahm der gesamte Lehrkörper des zoologischen Institutes eine dreiwöchige Tour per Jeep durch Malaya. Wir waren fünf: Professor John Hendrickson, Tony Berry, seine Frau Pek Yong Berry (eine Chinesin), Satvant Singh Daliwhal (ein Sikh) und ich. Eine eindrucksvolle Erfahrung, obwohl ich an einem der ersten Tage schrecklich an “totalem” Durchfall litt: ich verschwand in den Busch, entleerte mich hinten und vorne, und damit war es ausgestanden. Anscheinend hatte sich damit eine Immunität entwickelt, denn derartige Anfälle hatte ich seitdem nie. Um uns gegen Malaria zu schützten, schluckten wir jeden Tag unsere Chloroquin-Tablette, damals sehr wirkungsvoll, da sich Resistenz noch nicht ausgebildet hatte. Hendrickson war Herpetologe, Tony Malacologe, Pek Yong ebenfalls Herpetologin (Amphibien), Satvant Genetiker, und ich entwickelte mich gerade zum Parasitologen. Die Faunenvielfalt enorm. In jedem kleinen Tümpel von Süsswasser so etwa ein halbes Dutzend Fischarten. Nachts gingen wir oft auf Amphibienjagd mittels Kopflampen, ihr Licht wurde von den Froschaugen reflektiert und ermöglichte so die Lokalisierung der Frösche. – Einige Monate später machten wir eine kurze Expedition in den Nationalpark (Taman Negara) in Zentralmalaya. Am beeindruckendsten dort die Schreie der Gibbons, die über weite Täler hinweg zu hören waren, die enorme Pflanzenvielfalt, und die “hornbills”, grosse Vögel mit riesigen Schnäbeln. Allerdings waren viele Vögel, trotz des Artenreichtums, oft nur mit einiger Schwierigkeit zu sehen, und nur in der Dämmerung. John Hendrickson musste sich vorzeitig verabschieden, weil er zu einem Interview nach Hawaii musste. Er hatte sich um die Stelle des Direktors des East-West Centers in Hawaii beworben, eine Stelle, die er dann auch bald übernahm. Tony Berry wurde sein Nachfolger. – Die weitaust interessanteste und erfolgreichste Expedition, aus meiner Sicht, war jedoch eine spätere in den Taman Negara mit Lord Medway, der erst später als Dozent zu uns kam. Er war Wirbeltierspezialist (Vögel und Säuger), sprach fliessend malayisch, und war vorher in Borneo gewesen. Für seine Untersuchungen fing er vor allem Fledermäuse und andere kleine Säuger, von denen ich eine Auswahl sezierte und auf Parasiten untersuchte. Es gelang mir so, eine völlig neue Fauna kleiner Saugwürmer (Trematoden), darunter neue Gattungen und Unterfamilien, erstmals zu beschreiben. Für eine der Gattungen,Renschetrema(nach meinem Doktorvater Bernard Rensch benannt) wurde später eine neue Familie errichtet. Expedition im malayischen Urwald (Taman Negara).







Schwarz und weiss Photo unten: stehend ich; oben: Lord Medway und ihm folgend unser Oberassistent, ein Dayak aus Nord-Borneo.

Die grösste Gefahr auf Expeditionen war die Malaria, weswegen wir regelmässig Chloroquin-Tabletten schluckten. Nachts wurde wegen der Leopardengefahr streng darauf geachtet, dass das Feuer nicht ausging.

Wissenschaftliche Ergebnisse

Meine Arbeit befasste sich vor allem mit der Taxonomie parasitischer Würmer (Trematoda, Monogenea), dem Lebenszyklus verschiedener Arten, sowie der lichtmikroskopischen Feinstruktur von Trematoden, insbesondere der Aspidogastrea-ArtMulticotyle purvisi. Ich beschrieb eine völlig neue Monogenea-Fauna malayischer Süsswasser-Schildkröten, und – wie bereits erwähnt – Zusammenarbeit vor allem mit Lord Medway, der mir verschiedene kleine Säugetiere, vor allem Fledermäuse, beschaffte und identifizierte, ermöglichte es mir, viele neue Arten und einige neue Gattungen von Trematoden dieser Gruppe zu beschreiben. Auch konnte ich neue Unterfamilien errichten, und eine der von mir neu beschriebenen Gattungen war so einzigartig, dass ein Spezialist der Gruppe später eine neue Familie für sie aufstellte.



Renschetrema malayi, eine neue Art und Gattung eines sehr kleinen Trematoden (Saugwurms) aus dem Darm malayischer Fledermäuse. Insgesamt drei Arten dieser Gattung wurden von mir beschrieben, für die später eine neue Familie errichtet wurde. Die Fledermäuse wurden von Lord Medway gefangen und identifiziert. © Klaus Rohde

Ich hatte eine ausgezeichnete Assistentin, Lilian Lim. Sie kam aus der Schule direkt zu mir, ohne irgendwelche Vorbildung, lernte jedoch sehr schnell die erforderlichen histologischen Techniken. Und nicht nur das, ihre Arbeit war hervorragend. So konnte ich detaillierte Rekonstruktionen des Nervensystems und der Sinnesorgane verschiedener parasitischer Plattwürmer machen. Diese Untersuchungen zeigten eindeutig, dass sogenannte “Sacculinisierung”, d.h. die morphologische Vereinfachung bei Parasiten, durchaus nicht immer auftritt. Im Gegenteil,Multicotylebesitzt ein Nervensystem, das weit komplexer als das von frei lebenden Verwandten ist, und die Zahl und Diversität der Sinnesrezeptoren sind ebenfalls eindeutig grösser. Die Arbeiten wurden später, nach meiner Rückkehr nach Deutschland, mit Hilfe des Elektronenmikroskopes weitergeführt und bestätigt. Zahlreiche Arbeiten darüber wurden publiziert, darunter auch eine in “Nature”.



Rekonstruktion des Zentralnervensystems von Multicotyle purvisi, einer von Dawes beschriebenen Aspidogastrea-Art aus dem Darm malayischer Schildkröten. Die Art ist einige mm lang. Zur Rekonstruktion wurden mehrere komplette, mit verschiedenen Methoden gefärbte Serien von Schnitten benutzt. Lilian Lim, meine Assistentin, stellte die Schnitte her. (Nur der Teil des Nervensystems in der Nähe des Gehirns ist hier dargestellt).© Klaus Rohde

Neben Bachelor-Honours Kandidaten beaufsichtigte ich auch einige Master und Doktor Kandidaten, als erster in unserem Institut. Zu meiner Zeit stellten Chinesen die Mehrheit der Studenten dar, und so waren auch meine Forschungsstudenten ausschliesslich Chinesen. Forschungsthemen waren unter anderem das Lymphgefässystem gewisser Trematoden. Ein solches System tritt sonst nur bei weit “höheren” Tiergruppen auf. Nach Erhalt ihrer Master bzw. Doktorgrade wurden meine Studenten Dozenten an der University of Malaya und in Übersee.

Malaysian Society for Tropical Medicine and Parasitology

Auf einem von der UNESCO unterstützten Treffen über “Scientific Knowledge of Tropical Parasites” 1962, an dem auch ich teilnahm, wurde die Malaysian Society for Tropical Medicine and Parasitology gegründet. Professor A.A. Sandosham, Direktor des Institute of Medical Research in Kuala Lumpur, wurde der erste Präsident, Professor R.S. Desowitz, Professor für tropische Medizin und Parasitologie an der University of Singapore und später an der University of Hawaii, der zweite. Ich wurde 1966 zum dritten Präsidenten gewählt. Sowohl Professor Sandosham wie auch Professor Desowitz waren international anerkannte Forscher auf dem Gebiet vor allem der Malaria.

Rückkehr nach Deutschland

Ich hatte eine Dauerstellung an der University of Malaya mit sehr günstigen Bedingungen: alle zwei Jahre einen bezahlten Überseeurlaub, mit bezahltem Flug, und bezog zusätzlich ein kleines Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Mir gefiel Malaya, die Fauna war weitgehend unbekannt und für einen Zoologen ideal. Dennoch wollte ich früher oder später wieder zurück nach Deutschland, unter anderem auch deswegen, weil ich meine morphologischen Untersuchungen elektronenmikroskopisch vertiefen wollte. Auch das feucht-heisse Klima ging mir so allmählich auf die Nerven, und 1966 hatte ich zudem einen Anfall von Malaria, die ich mir auf einer Studentenexkursion zugezogen hatte in einer Gegend, die als malariafrei galt, weswegen ich keine Malariatabletten genommen hatte. – So setzte ich mich mit Professor Rensch in Verbindung (der auf meine Initiative hin zwei Wochen in Malaya gewesen war, um Vorträge an der Universität zu halten) mit der Bitte, mir bei der geplanten Habilitation in Deutschland zu helfen. Er verschaffte mir einen Platz an der Ruhr-Universität Bochum bei Professor Schwartzkopf, was – zusammen mit der Befürwortung durch Professor Wetzel, einem Veterinärparasitologen an der Universität Giessen, erforderlich zur Erlangung eines zweijährigen Habilitandenstipendiums war. Anfang 1967 kehrte ich also nach Deutschland zurück, über Nepal und Afghanistan, die ich einige Wochen bereiste.

Habilitation in Bochum

Mein Ziel in Deutschland war, meine lichtmikroskopischen in Malaya durchgeführten Untersuchungen mittels der Elektronenmikroskopie zu vertiefen und mich damit zu habilitieren. Ich war Professor Schwartzkopf am Institut für Spezielle Zoologie, einem Forscher auf dem Gebiet der Elektrophysiologie, dankbar, dass er mich aufgenommen hatte. – Das Institut für Spezielle Zoologie war bis zur Fertigstellung der neuen Gebäude der Ruhruniversität noch etwa ein halbes Jahr lang in den Bürogebäuden eines ehemaligen Kohlenbergwerks untergebracht, und weil Bochum damals noch keine Elektronenmikroskope besass, fuhr ich einmal jede Woche an die Medizin in Essen, die die notwendige Ausrüstung hatte. Die Vorarbeiten wurden in Bochum durchgeführt. Allerdings konnte ich in Bochum nicht wirklich mit vollem Dampf arbeiten, und so nahm ich das Angebot von Professor Wohlfarth-Bottermann, dem Leiter des Institutes für Cytologie und Mikromorphologie der Universität Bonn in Bonn-Endenich, an, ein halbes Jahr lang in seinem Institut nicht nur zu arbeiten sondern sogar zu wohnen (das Institut hatte ein Gästezimmer für diesen Zweck). Die Ausrüstung war hervorragend, ich arbeitete in einer kollegialen Umgebung, und konnte jederzeit mit Rat von ihm und seinen beiden Mitarbeitern Dr. Komnick und Dr. Stockem rechnen. Ich verbrachte jeden Tag zumindest einige Stunden am Elektronenmikroskop. So war es mir in der Tat möglich, die geplanten elektronenmikroskopischen Untersuchungen an der Aspidogastrea-ArtMulticotyle purvisi wie geplant durchzuführen und mich damit zu habilitieren. Eine ganze Reihe von Arbeiten über das Projekt wurden auf deutsch veröffentlicht, und auch eine zusammenfassende Darstellung auf englisch in den Advances in Parasitology. Mein Ruf als führender Forscher auf dem Gebiet der Ultrastruktur parasitischer Würmern war damit hergestellt. Allerdings hatte meine vorübergehende Umsiedlung nach Bonn eine negative Folge: ich hatte mich deswegen mit Professor Schwartzkopf überworfen. Als es mir nicht gelang, eine Stelle in Deutschland zu bekommen, musste ich mich deshalb wieder im Ausland um Möglichkeiten kümmern, eine Absicht die ich durchaus nicht hatte als ich meine Stellung in Kuala Lumpur aufgab: das Ruhrgebiet gefiel mir ganz gut, ich hatte mir ein Paddelboot zugelegt und schon eine kombinierte Paddelboot/Auto-Reise nach Skandinavien geplant. Angesichts der Tatsache, dass Stellen in Deutschland noch immer nicht regelmässig ausgeschrieben wurden und dass man weitgehend von der Vermittlung durch seinen Professor abhing, schien mir dies die einzige Erfolg versprechende Möglichkeit zu sein, zumal ich mich auch mit zwei anderen einflussreichen Professoren (nicht in Bochum, und nicht in Bonn-Endenich) angelegt hatte, in beiden Fällen aus dem gleichen Grund, Autorschaft von Publikationen. Bis heute hat sich bei mir die Erkenntnis nicht durchgesetzt, dass ein Herausgeber eines Buches das Recht haben sollte, seinen Namen als ersten vor ein Kapitel zu setzen, zu dem er im wesentlichen nur einige Abbildungen beigetragen hat, und das ohne jede Rücksprache. Ich sollte erwähnen, dass ich schon vor einiger Zeit an den Kultusminister von Nordrhein-Westfalen geschrieben hatte und auf die – wie mir schien – Misstände an deutschen Universitäten hingewiesen hatte, vor allem auf die übermässige Machtkonzentration in Händen der Professoren. Mir schien das System im Grossen und Ganzen darauf angelegt gewesen zu sein, die Macht der Professoren, die oft ihre produktive Periode schon hinter sich hatten, auf Kosten der Förderung junger Leute zu sichern. Die Antwort des Ministeriums bestand aus den üblichen Phrasen: Zusammenarbeit des Unterbaues (Studenten), Mittelbaues (zu dem ich gehörte) und Oberbaues (d.h. Professoren), oder so ähnlich.Also bewarb ich mich um verschiedene im Ausland ausgeschriebene Stellen und schrieb unter anderem auch an Professor John Sprent, den Leiter des parasitologischen Institutes der University of Queensland in Brisbane, Australien. Ich hatte ihn auf dem von der UNESCO unterstütztem Symposium über tropische parasitäre Infektionen in Singapore einige Jahre vorher kennengelernt. Er besorgte mir tatsächlich eine sogenannte Postdoctoral Fellowship, ein später um ein weiteres Jahr verlängertes Forschungsstipendium. 1970, drei Jahre nach meiner Rückkehr nach Deutschland, ging es wieder ins Ausland, diesmal per Flugzeug.



Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Schnittes durch ein Auge der Larve vonMulticotyle purvisi (Aspidogastrea). nucleus=Zellkern

Andere Teile meiner Erinnerungen hier.

2 Comments

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  1. Peter Mersch

    Hört sich wie eine sehr fruchtbare und interessante Zeit an, die die Grundlage für die spätere berufliche Entwicklung war. So etwas gab es bei mir auch: Von 1978 – 81 arbeitete ich als Systemprogrammierer im Spacelab-Project. Damals lernte ich alles, was mir später in meinem Beruf behilflich war. Insbesondere entwickelte sich damals ein tiefes Verständnis, wie Computer allein und vernetzt und ihre Betriebssysteme funktionieren. Wird diese Art grundlegende Forschung (Expeditionen ins Nirwana, Buschmesser, Malaria-Tabletten, Leopardengefahr …) auch heute noch in gleicher Intensität durchgeführt oder lässt man sich die Tiere kommen, die man haben will?Positiv hört sich auf jeden Fall das offenbar doch sehr angenehme Arbeitsklima (= gute Zusammenarbeit) in Malaya an. War dies generell so, oder lag das an bestimmten Persönlichkeiten (Professoren), die durch ihre Art und Umgangsweise dafür sorgten?Zwischendurch lese ich Nepal und Afghanistan. Mein großer Traum ist es eigentlich noch immer, mal den Mt. Everest und den K2 (von unten) zu sehen. Speziell den K2 werde ich mir aber wohl abschminken können, denn da ist schon der Weg zum Basislager eine Herausforderung. Hattest du Nepal nur wegen der Kultur oder doch auch wegen der Berge besucht?Tja, und zu den Professoren in Deutschland: Das war damals aber auch eine heiße Zeit. Im Grunde bist du exakt während der Studentenrevolte nach Deutschland zurückgekehrt, als man deren ganzes Gehabe infrage zu stellen begann: Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren. Ich nahm mein Studium 1968 auf, bin also gewissermaßen ein 68er. Obwohl die RWTH Aachen eigentlich weit weg vom Schuss und als Ingenieurs-Hochschule sowieso eher ruhig und arbeitsorientiert war, ging es wirklich hoch her und zwar von Anfang an. Die Autorität der Professoren wurde komplett infrage gestellt.Damals merkte ich sehr schnell, dass es oft nicht darauf ankommt, was gesagt wird, sondern wer etwas sagt. Ich hatte einen Kommilitonen, mit dem ich häufig zusammenarbeitete und mit dem ich mich auch sonst sehr gut verstand (später ging er nach Paris und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört). Er hatte Fähigkeiten, die man sonst nur von Inselbegabten her kennt (bei Mathematikern sind die Unterschiede in den intellektuellen Fähigkeiten zum Teil unfassbar groß), weswegen ich ihn bewunderte. Beispielsweise konnte er alle Bücher, die er las, visuell abspeichern. Er war im Grunde allen Professoren haushoch überlegen. Aber auch er zählte zu den “Rebellen”. Mit dem Effekt, dass seine politischen Ausführungen von den Professoren mehrheitlich so aufgenommen wurden, als wenn Alexander Grothendieck ein mathematisches Theorem vortragen würde.

    • Klaus Rohde

      “Wird diese Art grundlegende Forschung (Expeditionen ins Nirwana, Buschmesser, Malaria-Tabletten, Leopardengefahr …) auch heute noch in gleicher Intensität durchgeführt oder lässt man sich die Tiere kommen, die man haben will?”Heute lässt man sich die Tiere im allgemeinen (nicht immer) kommen, oder man benutzt Daten, die bereits gesammelt wurden, um sie neu zu analysieren (in der Oekologie). Allerdings, für taxonomische und gewisse ökologische Arbeiten muss man oft noch ins “Feld” (Ozeane, Urwald usw.), weil Wirtstiere frisch sein müssen.

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