Erinnerungen II. Als Jugendlicher in der Ostzone, 1945-1952

· Erinnerungen, Memoirs
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Unter den Russen

Die Russen waren da, der Krieg war zu Ende. Für uns war das Hauptproblem zu überleben. Schon in den ersten Tagen nach der Übernahme durch die Russen gingen wir in unser Haus zurück. Es war zum Teil zerstört und die Vorderwand der Backstube am anderen Ende des Hofes war völlig zusammengestürzt. Der Grossteil des Hofes war von einem riesigen Bombentrichter verschluckt. Von der Strasse aus sah unser Haus wie eine unbewohnte Ruine aus, was uns vor Übergriffen der Russen schützte, obwohl einmal ein junger russischer Soldat im Hof auftauchte und, anscheinend enorm beeindruckt von der Grösse des Bombentrichters, sagte: Amerikantzi? (Amerikaner?). Etwas beunruhigender ein weiterer Vorfall: ein russischer Offizier, völlig betrunken und mit gezogenem Säbel, befahl uns (d.h. der gesamten Familie) sich in Reih und Glied auf dem Hof aufzustellen. Es passierte aber nichts, obwohl wir das Schlimmste befürchteten. Vielleicht war er einfach zu betrunken, um etwas zu machen. Sehr bald wurden alle Männer in der Umgebung von den Russen abgeführt und verschwanden für eine oder zwei Wochen. In der Ferne hörten wir Maschinengewehrfeuer und wir nahmen an, dass die Männer erschossen worden waren. Mein Vater tauchte aber wieder auf, der Eigentümer eines Tabakgeschäftes in der Nähe war jedoch nicht so glücklich. Er war Parteigenosse gewesen, spielte aber eine nur untergeordnete Rolle in der Partei. – Nicht zu übersehen war das Gefängnis nahe unserem Haus, das jetzt von GPU (NKVD)-Soldaten wimmelte, also als sowjetisches Gefängnis diente.

Brot und Schmalzfleisch, Entrümpelung, Konfirmation

Die Bombe hatte unser Haus getroffen, als der Backofen mit Broten gepackt war. Die Brote verbrannten nicht, weil die Heizung im Moment des Einschlages aussetzte. So hatten wir also Brot, das uns über die nächsten Wochen ernährte. Wir tauschten es teilweise gegen Armeedosen mit Schmalzfleisch und Obst aus der ländlichen Umgebung ein. Es dauerte nicht lange, bis das Brot schimmelte. Wir assen es aber trotzdem, weil wir keine andere Wahl hatten. Der Bombentrichter musste gefüllt werden und wir brauchten Steine für die Reparatur des Hauses. Die ganze Familie musste also zupacken, Steine reinigen (mit Hämmern) und den Trichter mit Schutt allmählich füllen. Es dauerte viele Wochen, bis der Boden des Hofes so ungefähr planiert war. Schliesslich wurden auch die Reparaturen an Haus und Backstube gemacht, wahrscheinlich (ich kann mich nicht erinnern) von Handwerkern, die mit Brot bezahlt wurden. Irgendwann ging dann auch das Backen los. Mein Vater wurde von der sowjetischen Armee verpflichtet, für sie zu backen, und so tauchten von Zeit zu Zeit sowjetische Soldaten mit einem Wagen mit Mehlsäcken auf, und um Brot abzuholen. Unter anderem buken wir auch Pirogies für die Soldaten (eine russische Spezialität: Teigrollen, mit Käse gefüllt). Im RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor, einem Radiosender in Westberlin) wurden regelmässig Listen von Kollaboratören der Russen verlesen. Eines Tages sagte mir mein Vater ziemlich aufgeregt, dass auch sein Name darunter war. Hierzu ist zu sagen, das er fanatisch antikommunistisch war. Ich nahm sofort an, dass diese Denunziation darauf zurückzuführen war, dass er für die Russen buk (was unmöglich zu vermeiden war), und vielleicht auch zum Teil auf den Neid: wir hatten mehr zu essen als viele andere.

Da ich ein guter Schwimmer war, sorgte ich dafür, dass unsere Brot- und Dosendiät durch Muscheln aufgestockt wurde, die ich durch Tauchen in der Havel sammelte. Auch fing ich regelmässig Fische. Herr Weber, ein Mieter in unserem Haus, ausgezeichneter Zimmermann, baute uns einen Angelkahn, und so konnten wir nach einiger Zeit wieder auf den Plauer See einige Kilometer die Havel hinunter fahren, um Aale, Bleie, Plötzen usw. zu fangen. Gelegentlich fischten russische Soldaten auch mit Handgranaten, wir sprangen ins Wasser und sammelten einige der an der Oberfläche treibenden Fische. Das Wasser allerdings sehr verschmutzt, cm-dicke Schaumdecke an der Oberfläche, stammend von der Maizena-Stärkefabrik einige 100m weiter flussaufwärts. Darunter gelegentlich lebende oder tote Ratten.

Arbeitskräfte waren schwierig zu bekommen und so musste ich oft in der Backstube aushelfen, manchmal frühmorgens um 3 oder 4 beginnend.

Ich ging nie in die Kirche, abgesehen vom Konfirmationsunterricht und der Konfirmation. Abends nahm ich jedoch an einem Lehrgang einer Art Volkshochschule teil, und zwar über griechische Philosophie. Die Vorlesungen wurden von Dr. Hartmann abgehalten, einem hervorragendem Lehrer, der später Professor an der Brandenburgischen Landeshochschule Potsdam (dann Pädagogische Hochschule und Universität) wurde.



Konfirmanden in Brandenburg (links im dunklen Anzug ich, rechts mein Freund Harry).

Schule, Reparationen, FDJ

Nach einiger Zeit fing auch die Schule wieder an. Da das Gymnasium, die Saldria, kurz vor Ende des Krieges zerbombt worden war, war unsere Schule in die alte Ritterakademie verlegt worden, ein Gymnasium mit langer Tradition, das viele preussische Offiziere (Generale usw.) ausgebildet hatte. Unsere erste Fremdsprache war jetzt russisch. Die Russen transportierten deutsche Wissenschaftler ab, die bei der wissenschaftlichen Entwicklung (und besonders der Atomforschung) der Sowjetunion helfen sollten. Darunter war auch ein Physiklehrer des Gymnasiums, der erst viele Jahre später wieder nach Deutschland zurückkehrte. Dies war aber nicht die einzige Reparation. Die Russen montierten ganze Fabriken ab, um sie in Russland wieder aufzubauen, und wir sahen auch lange Güterzüge mit Segelbooten in Richtung Osten fahren. Noch viele Jahre lang baute eine kleine Werft in Brandenburg Schiffe ausschliesslich als Reparation fûr die Russen. Nach einigen Jahren tauchte eine erste, neu gebaute Strassenbahn auf, mit viel Fanfare als Symbol des Wiederaufbaus und des Fortschrittes propagiert. Starker Druck wurde ausgeübt, um uns zum Beitritt in die FDJ (Freie Deutsche Jugend) zu bewegen, bei mir allerdings ohne Erfolg. Das erste Jahrestreffen der FDJ wurde in Brandenburg abgehalten, Erich Honecker, der spätere Vorsitzende der DDR und im Krieg im Zuchthaus Brandenburg gefangen gehalten, war zu der Zeit Vorsizender der FDJ.

Meine Fortschritte im Gymnasium waren gut und so übersprang ich eine Klasse: Abitur 1949 mit 17.



Abiturientenklasse Saldria 1949.

Viele Brücken waren zerstört und so nahmen wir oft, auf dem Wege von der Schule nach Hause, eine Abkürzung, d.h. wir zogen uns aus, nahmen unsere Sachen auf den Kopf und wateten durch einen ziemlich reissenden Bach. Einer meiner Mitschüler verschwand bei einer Überquerung, seine Leiche wurde noch am gleichen Tag einige hundert Meter bachabwärts gefunden.

Nach dem Abitur hatt ich eine Erholung dringend nötig und so unternahm ich eine zweiwöchige Radtour über Magdeburg, den Kyffhäuser, Erfurt und Naumburg zurück nach Brandenburg. Unterkunft in Jugendherbergen, wo es sie bereits wieder gab, und in Heuhaufen. Sehr beeindruckend die Landschaft, Erfurt mit dem Dom und der Severikirche, und vor allem der Naumburger Dom mit der Uta.





Der Erfurter Dom und die Severikirche 1949. Zeichnung Klaus Rohde. Naumburger Dom 1949. Zeichnung Klaus Rohde.

Russischlehrer, Studium

Obwohl ich, gemeinsam mit einem Mitschüler, Spitze in der Klasse war und das Abitur mit sehr gut bestand, wurde ich nicht zum Studium zugelassen (ich hatte mich um einen Studienplatz in Mathematik an der Humboldt-Universität beworben), und zwar wegen meines falschen Klassenhintergrundes. Ich war nicht Arbeiter- oder Bauernkind (obwohl mein Vater Bauernsohn war). Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass mein Vater sich weigerte, dem Konsum beizutreten (einer Bäckergenossenschaft), sondern es vorzug, unabhängig zu bleiben. Den Konsum gab es auch schon zur Nazizeit und wir gehörten nie dazu. Auch meine Bewerbung an der Kunstakademie Berlin-Weissensee wurde abgelehnt.

Mir blieb also nichts übrig, als zumindest vorübergehend etwas anderes zu machen. Da ich auf der Schule gut in Russisch war und es ein Institut zur Ausbildung von Russischlehrern in Brandenburg gab, entschloss ich mich, einen einjährigen Lehrgang zur Ausbildung von Russischlehrern zu machen. Ein Motiv für diese Entscheidung war auch, dass es mir vielleicht den Eintritt in eine Universität erleichtern würde. Ich bekam das Lehrerdiplom und mir wurde eine Lehrerstelle in Ploetzow, einem kleinen Dorf in der Mark Brandenburg zugewiesen (ich konnte es nie auf der Landkarte finden). Das Jahr auf dem Lehrerinstut war allerdings nicht ohne Probleme. In den letzten Monaten des Lehrganges setzten sich zwei etwas ältere Männer zu uns in den Vorlesungsraum. Ich habe kaum Zweifel, dass es sich nicht um echte Studiengangsteilnehmer handelte, sondern um Agenten, die irgendetwas wollten, z.B. für die Stasi werben. Eines Tages folgten sie mir auf einer Strasse eine zeitlang und ich hatte so meine Befürchtungen. Sie verschwanden dann allerdings. Insgesamt schlug sich mir die Atmosphäre auf den Magen und ich hatte seelische Probleme. So suchte ich einen Arzt auf und erzählte ihm, dass ich befürchtete, ich sei wegen Spionage für den Westen unter Beoachtung. Er fragte mich, ob ich denn ein Spion sei: “Nein”. Auf der Abschlussfeier des Lehrerseminars war ich ziemlich betrunken und attackierte unseren Politiklehrer verbal ziemlich scharf, unter anderem mit der Bemerkung, dass er es wohl nur auf die Stellung des Direktors abgesehen habe. Der Direktor stand dabei und sagte, dass die Russischkenntnisse des Herrn xxx dafür ja nicht ausreichend seien. Ich machte auch gewisse spezifische politische Bemerkungen. Der genannte Lehrer fragte mich, woher ich denn die Informationen habe, und zwar zweimal, sehr ernst, als vermutete er eine Verschwörung oder schlimmeres. Alle anderen Lehrer, die mir sympatisch gesonnen waren, standen herum und hörten zu, als ich antwortete, aus der Märkischen Voksstimme (der kommunistischen Zeitung des Landes). Hätte ich irgendwie anders geantwortet, hätte mich der Politiklehrer mit ziemlicher Sicherheit denunziert. – Dies alles hatte meine Nerven ziemlich in Anspruch genommen und so machte ich 10 Tage Urlaub in der Sächsischen Schweiz (Elbsandsteingebirge). Ich sah das völlig zerstörte Dresden und im Zug sass ich einem Zivilisten gegenüber, der sich als Offizier der Volkspolizei entpuppte. Mir fiel das Herz in die Hosen, weil ich annahm, dass er beauftragt sei, mir nachzuspionieren. Kaum wahrscheinlich, aber symptomatisch für die Zeit.

Ich hatte mich schon als Student am Lehrerseminar um einen Studienplatz der Slawistik an der Brandenburgischen Landeshochschule in Potsdam beworben. Mit der Fahrkarte nach Ploetzow in der Tasche, erreichte mich dann die Mitteilung, dass mir ein Studienplatz zugewiesen worden sei. Einige Monate lang studierte ich Russisch und andere slawische Sprachen, began aber sofort, mich nach anderen Möglichkeiten des Studiums umzusehen: Geschichte (Nummmer 1 auf der Liste) schied aus, weil es mir schien, dass es in der Ostzone zu einseitig gelehrt wurde. Ich entschied mich dann für Zoologie, Botanik und Physik. Besonders in Erinnerung habe ich drei Professoren, den Zoologen Lehmann (ursprünglich aus Königsberg), den Botaniker Müller-Stoll, und Professor Willi Hennig (ein berühmter Mann, Schöpfer der Cladistik oder Phylogenetischen Systematik), der jede Woche einmal aus Ostberlin (über Westberlin, die Verbindung war damals noch offen) zu uns kam, um Vorlesungen über Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere zu halten, und der später in den Westen nach Stuttgart ging. Professor Lehmann lebte in Westberlin, Professor Müller-Stoll war Mitglied der SED (Sozialistischen Einheitspartei). Das Lehren der Mendelschen Genetik war verboten, ersetzt durch die “Lehre” von Lyssenko, was Professor Müller-Stoll allerdings nicht davon abhielt, sich in den Vorlesungen eingehend mit Mendel zu befassen. Ich erinnere mich an einen Studenten, der anscheinend vom Hinterlande war und völlig verblüfft reagierte, als er sich das anhören musste. Meines Wissens nach wurde Professor Müller-Stoll aber nie diszipliniert. Er ging später jedoch zu weit. Er protestierte (als ich schon in Westdeutschland war) gegen den Mauerbau und verlor seine Stellung. – Von Zeit zu Zeit ging ich zum Wochenende von Potsdam nach Brandenburg zu meinen Eltern, etwa eine halbe Stunde mit dem Zug. Die Züge waren völlig überfüllt und so fuhr ich regelmässig auf dem Trittbrett oder zwischen den Waggons.

Politische Kontrolle und Verfolgung

Die Presse war natürlich strikt kontrolliert. Es gab die Märkische Volksstimme, das Blatt der SED, aber auch zwei weniger weit verbreitete Zeitungen, die der christlichen und liberalen Partei nahe standen, ebenfalls mit eindeutig die politische Situation in der Ostzone unterstützender Ausrichtung. Auch das Radio und Fernsehen waren strikt kontrolliert. Was sich allerdings nicht kontrollieren liess, war die Tatsache, dass Westfernsehen und -radio (zumindest bei uns) nicht blockiert werden konnten. Und so “sahen” wohl fast alle “West”. – Auf der Rückkehr von einer Exkursion unter Professor Müller-Stoll wurde einer unserer Kommilitonen (“Herzelchen”, Joachim Trübe) auf dem Bahnhof Wildpark (nicht in Werder, wie von Anja Spiegel [1] berichtet) verhaftet und tauchte nie wieder auf. Ich hörte von verschiedenen Quellen, dass er wegen Spionage verhaftet und in der Sowjetunion hingerichtet worden sei. Nach einer Quelle schrieb er einmal eine Karte an seine Mutter, nach einer anderen protestierte er lautstark, als ein ebenfalls Angeklagter zum Tode verurteilt wurde, und wurde dann gleich mit hingerichtet. Sein Name steht jetzt anscheinend auf einem Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer des Stalinismus in Moskau.



Exkursion mit Professor Müller-Stoll. Einer der Studenten wurde verhaftet und in der Sowjetunion hingerichtet.

Zu meiner Zeit konnte man noch ungehindert mit der S-Bahn nach Westberlin fahren, und so war ich oft in Westberlin, um mir zum Beispiel Konzerte des RIAS-Symphonieorchesters unter Ferenc Friscay in Spandau anzuhören, oder mir Bücher aus dem Amerikahaus in Schöneberg auszuleihen. Ein oder zweimal leistete ich es mir auch, Flugblätter aus dem Westen mitzubringen und ungesehen irgendwo in der Potsdamer Strassenbahn liegen zu lassen. Ziemlich riskant, wahrscheinlich ohne irgendetwas zu erreichen.

Ab in den Westen

Schliesslich wurde es mir und einigen Kommilitonen zu viel, wir beschlossen, uns zur gleichen Zeit in den Westen abzusetzen. Ich fuhr per Fahrrad über die Glienicker Brücke nach Westberlin, durch eine Kontrolle der Volkspolizei und danach der sowjetischen Armee. Die ersten Tage verbrachte ich bei einer Tante, wurde dann nach Westdeutschland ausgeflogen, war zwei oder drei Wochen über Weihnachten in einem Lager in Bremervörde, dann – nach Zuweisung eines Arbeitsplatzes bei einem Bauern in Gerabronn, Kreis Crailsheim- drei Tage in einem Lager in Stuttgart, um schliesslich die Arbeit bei dem Bauern aufzunehmen.

Andere Teile meiner Erinnerungen hier.

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