Erinnerungen III. In der Bundesrepublik 1953-1960.

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Kindheit und Jugend

In zwei früheren Knols über meine Erinnerungen habe ich meine Kindheit in Nazideutschland und Jugend in der Ostzone beschrieben. (Siehe hier.) Hier beginne ich mit meinen Erfahrungen kurz nach der Umsiedlung in die Bundesrepublik.

In der Bundesrepublik 1953-1960

Beim Bauern und Bäcker

Die mir im Flüchtlingslager Bremervörde zugewiesene Stelle als Arbeiter bei einem Bauern in Gerabronn, Kreis Crailsheim, war nicht der ideale Arbeitsplatz. Der Bauer hatte einige Pferde, Kühe und vielleicht Schweine, und sein Landbesitz bestand aus kleinen Landstücken an verschiedenen Enden der Stadt. Er verbrachte wahrscheinlich mehr Zeit damit, sich von einer Parzelle zur anderen zu bewegen, als das Land zu bearbeiten. In anderen Worten, er war arm. Es war Winter und mein Allgemeinzustand war das Frieren, da mir die entsprechende Kleidung fehlte. Das Essen war miserabel und so hielt ich es nicht länger als zwei Wochen aus. Ich nahm Verbindung zu zwei Tanten in Baden-Baden auf, die nicht lange vor mir aus Brandenburg in den Westen gegangen waren, gemeinsam mit Herbert Wendt und seiner Frau, er ein bekannter Schriftsteller, der durch Romane und vor allem auch durch die Zoologie popularisierende Bücher bekannt wurde. Eine meiner Tanten arbeitete bei ihm im Haushalt, die andere beim Südwestfunk. Ich wohnte etwa zwei Wochen bei der letzteren, zog dann aber zu einem Bäcker, für den ich per Fahrrad Brötchen austrug. Da Baden-Baden sehr hügelig ist, war das ein ziemlich anstrengender Job. Er ermöglichte mir jedoch, etwas Geld zu sparen.

Student in Münster

Die Frage war jetzt, wo ich weiter studieren sollte. Einige meiner Kommilitonen aus Potsdam waren nach Münster gegangen und ich entschloss mich, ebenfalls dorthin zu gehen. Mein altes Fahrrad aus der Ostzone besass ich noch und so radelte ich am Rhein entlang von Baden-Baden nach Münster, was einige Tage dauerte. Das Fahrrad einschliesslich der Reifen waren ziemlich alt und ich musste etwa zwei bis dreimal pro Tag meine Reifen flicken. Die Übernachtungen fanden generell in Jugendherbergen statt.

Das Zoologische Institut in Münster wurde von Professor Bernhard Rensch geleitet, dem zur Zeit führenden Evolutionsbiologen in Deutschland, dessen “Neuere Probleme der Abstammungslehre” ins Englische übersetzt wurde (“Evolution above the Species Level”), und der einer der wichtigsten Begründer der Synthetischen Evolutionstheorie war (zusammen mit Theodosius Dobzhanski, G.G. Simpson und Ernst Mayr in den USA, und J.S. Huxley in England). Später machte er auch wichtige Beiträge zur Verhaltenslehre (Zählen und ästhetische Empfindungen bei Tieren) und Biophilosophie. Unter meinen anderen Lehrern war der spätere Nobelpreisträger Konrad Lorenz (Vorlesungen über Verhaltenslehre), der Botaniker Siegfried Strugger und der Physiologische Chemiker Lehnartz, der das zu jener Zeit weit verbreitete Standardwerk auf dem Gebiet geschrieben hatte. Lorenz war vorher in Königsberg, Ostpreussen, dann in russischer Kriegsgefangenschaft im Kaukasus (wo er ein Buch schrieb, das anscheinend zuerst in den USA veröffentlicht wurde), und kam dann nach Buldern Westfalen an das Max Planck-Institut für Verhaltensforschung, das später nach Seewiesen/Bayern verlegt wurde. An der Universität war auch Professor Freiherr von Verschuer, der Leiter des humangenetischen Institutes (der, wie ich später erfuhr, während der Nazizeit eng mit Dr. Mengele assoziiert war). Erst später wurde mir beim Lesen einer längeren Arbeit von Lorenz klar, dass auch einige seiner Ansichten denen des Nationalsozialismus entsprachen, was klar macht, dass die Rassentheorie der Nazis durchaus nicht nur von einigen politischen Fanatikern vertreten wurde, sondern auch von führenden Wissenschaftlern. Ich glaube, dass die Rolle solcher Wissenschaftler (und zwar nicht nur in Deutschland) bis heute nicht völlig geklärt ist. – Dr. Erhard (später Honorarprofessor), hielt Vorlesungen über Parasitologie, die mir aber nicht lagen und die ich nach kurzer Zeit nicht mehr besuchte (es war zu jener Zeit nicht Pflicht, Vorlesungen regelmässig anzuhören, man musste lediglich eine gewisse Anzahl von “Scheinen” nachweisen, die die Teilnahme an gewissen Praktika bestätigten). Seit 1955 war ich Doktorand bei Professor Rensch, und zwar hatte er mich überredet, über das “Lernen”, d.h. die Bildung bedingter Reflexe bei Einzellern (Paramecium) zu arbeiten, obwohl ich eigentlich elektronenmikroskopisch oder ökologisch hatte arbeiten wollen. Meines Wissens ist es bis heute nicht gelungen, bedingte Reflexe bei Einzellern nachzuweisen, es handelte sich wohl mehr um eine in Renschs Philosophie begründete Marotte. Ich machte jedoch einige, das Verhalten von Paramecium betreffende, Beobachtungen, die es mir erlaubten, Lernen bei Einzellern zu ignorieren und etwas anderes zu machen.

Als anerkannter Flüchtling bezog ich eine kleine Unterstützung vom Staat, die ich jedoch durch Ferienarbeit aufbessern musste. So arbeitete ich für kurze Zeit als Bauarbeiter, solange bis mir fast ein Brett eines Baugestelles auf den Kopf fiel, und als Buchverkäufer in Bottrop. Der letztere Job war gut organisiert vom Verlag. Er hatte seine Schüler-Enzyklopädie in Schulen systematisch propagiert und unsere Aufgabe war, es , von Tür zu Tür zu gehen und den Eltern die Enzyklopädie aufzuschwatzen. Ich war da sehr erfolgreich und konnte etwa 900 DM sparen (über drei oder vier Wochen, die Unterkunft in einer Jugendherberge war billig). Einige Male radelte ich gemeinsam mit einem Kommilitonen etwa eine halbe Stunde zum Rand des Teutoburger Waldes, um einem mir sonst Fremden gegen Bezahlung bei der Anlegung eines Untergrund-Bunkers, der mit Dosen der verschiedenste Arten bestückt war, zu helfen. Der Krieg stand anscheinend nahe bevor und hatte in Korea schon vor zwei Jahren begonnen (als ich noch in der Ostzone war). Die Dosen sollten als Notproviant während der erwarteten Kriegszeiten dienen. Bezüglich Koreakrieg: ich war völlig niedergeschlagen, als die Kommunisten die Amerikaner auf einen kleinen Brückenkopf im Süden des Landes zusammengedrängt hatten, was beim Gegenangriff der Amerikaner in Euphorie umschlug. – Als Doktorand bekam ich dann regelmässig eine etwas bessere Unterstützung, genug um meine Unterkunft zu bezahlen, billigen Schmalzkäse aufs Brot zu schmieren und abends beim Skatspielen oft meine Biere zu trinken. Das Mittagessen in der Mensa hatten wir sowieso frei.

Politisch war ich immer interessiert. Nach meiner Übersiedlung in die Bundesrepublik schwankten meine Sympathien zwischen Adenauer (den ich wegen seiner antikommunistischen Einstellung und seines Erfolges bei der Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion bewunderte), Kurt Schumacher (dem damaligen Vorsitzenden der SPD, der sich viel stärker als Adenauer für eine baldige Wiedervereinigeung Deutschlandseinsetzte, leider aber bald starb), und Theodor Heuss, dem Vorsitzenden der Freien Demokraten.



Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer.

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Kurt Schumacher, SPD-Vorsitzender bis 1952. Public domain.

Die CDU war uns (d.h. meinen aus der Ostzone stammenden Kommilitonen und mir) wegen ihrer stark katholischen Ausrichtung suspekt, vor allem auch weil sich katholische Bischöfe ganz offen von der Kanzel her für die CDU/CSU einsetzten. Auch den CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauss lehnte ich ab, zum grossen Teil wegen seiner Engagierung für die Atomaufrüstung Deutschlands. An einer grossen Antiatom-Demonstration in Bonn nahm ich in der ersten Reihe teil (es würde mich überraschen, wenn das nicht von Bundesnachrichtendienst, dem westlichen doch milderen Korrelat der Stasi, photographisch festgehalten worden sein sollte). Der spätere CDU-Kanzler Kiesinger (ein ehemaliger Parteigenosse) war mir ausserordentlich unsympatisch und es hat mir enormen Respekt eingeflösst, als er von der Antinazi-Aktivistin Beate Klarsfeld auf offener Bühne geohrfeigt wurde (Respekt weniger, weil er einmal PG gewesen war, sondern vielmehr wegen seiner anscheinend generell “reaktionären” Einstellung. Später erfuhr man dann aber, dass er gar nicht so schlecht war, und in vieler Hinsicht progressiver als andere).

Den einzigen engen persönlichen Kontakt, den wir, d.h. die Studenten aus Potsdam, hatten, war miteinender und mit ein oder zwei anderen Studenten aus der Ostzone. Münster galt als besonders schwieriges Pflaster in dieser Hinsicht, weil es damals (und vielleicht immer noch?) schwarz (streng katholisch) war. Um andere Kontakte herzustellen, dachten wir auch daran, uns irgendeiner Studenten-Verbindung anzuschliessen, was aber wegen derer rechten Ausrichtung nicht in Frage kam. Der Vorsitz der SPD war nach Kurt Schumachers Tod von Ollenhauer übernommen worden, der einen ziemlich trockenen und wenig inspirierenden Eindruck machte. So traten ich und einige meiner Freunde dem Liberalen Studentenbund Deutschlands bei, d.h. der Studentenorganisation der FDP. Beim ersten Treffen stellte sich aber heraus, dass der Organisator des Treffens, ein junger Mann mit der erklärten Absicht, Karriere im Aussenministerium zu machen, den Raum mit schwarz-weiss-roten Fahnen zu Ehren eines Admirals oder Generals, dessen Todestag wir feierten, geschmückt waren. Wir lernten so, dass die FDP und der Liberale Studentenbund zwei Flügel hatten; einen tradionell liberalen mit Theodor Heuss, und einen stark rechts ausgerichteten. Etwas später arrangierte die FDP für uns auch einen Besuch nach Bonn, wo uns einige anscheinend der FDP nahestehende Wirtschaftsbosse “politisch informierten”. Ich kann mich an Einzelheiten nicht erinnern, der Nachgeschmack war aber mies. Die Rechtslastigkeit war übrigens nicht auf die FDP beschränkt, sondern auch deutlich in Teilen der CDU und insbesondere der CSU. Zum Beispiel entblödete sich ein Minister der CDU-Regierung Erhard nicht, Bertolt Brecht mit dem Nazibarden Horst Wessel zu vergleichen, der die Nazihymne “Die Fahne hoch” geschrieben hatte, die unter Hitler immer nach dem Singen des Deutschlandliedes gesungen werden musste.



So stellte ich mir die Nationale Rechte (einschliesslich Teilen der CDU/CSU und FDP) vor. Aus meinem Skizzenbuch. © Klaus Rohde. (Die Skizze erinnert an George Grosz, ich glaube aber, dass sie völlig originell ist).

Literatur und Meinungsfreiheit

Dies bringt mich zur Literatur. Auf dem Gymnasium in der Ostzone war Brecht (falls mich meine Erinnerung nicht täuscht), nie erwähnt worden. Wir lasen Anna Seghers: Das Siebte Kreuz, und Heinrich Mann, und russische Schriftsteller wie Puschkin und Maxim Gorki. Meine Liebe zu Brecht entwickelte sich in der Bundesrepublik. Für mich besteht und bestand überhaupt kein Zweifel, dass Brecht einer der grössten deutschen Dramatiker (wenn nicht der grösste) und Lyriker ist. Aus diesem Grunde empfand ich die gegen Brecht gerichtete Hetzkampagnen, weitgehend auf unzureichender Information beruhend, als entwürdigend. Symptomatisch das Brechtverbot Anfang 1962 in Baden-Baden (als ich schon im Ausland war, mich jedoch wegen meiner Kontakte nach Baden-Baden auf dem laufenden hielt). Ich beschreibe es hier, weil es mir symptomatisch für die Zeit zu sein scheint. Wichtig ist, dass die “Mauer” kurz vorher errichtet worden war, was die Hysterie aber nur Zum Teil erklärt (Zitate aus “Die Diskussion um das Baden-Badener Brecht-Verbot”, Ausschnitte aus Berichten und Kommentaren des Badischen Tagblattes, 10. Januar-10. Februar 1962).

Der Oberbürgermeister von Baden-Baden hatte kurzfristig die für den 28. Januar 1962 geplante Aufführung von Brechts Mutter Courage verboten, und zwar weil Brecht den Stalinpreis angenommen und sich mit dem SED-Regime identifiziert habe, usw. Jetzt, nach dem Bau der “Schandmauer” sei daher eine Aufführung Brechts nicht zu verantworten (zur Erinnerung: Brecht war schon 1956 gestorben, er war nie SED-Mitglied, und hat sich wiederholt kritisch gegenüber dem SED-Regime geäussert. Er war in die Ostzone gegangen, weil ihm die Besatzungsbehörden im Westen die Einreise nicht gestatteten, und nachdem er die österreichische Staatsangehörigkeit erworben hatte). In Baden-Baden lebten viele führende deutsche Schriftsteller, unter ihnen Otto Flake, Herbert Wendt, Gustav Schenk, Ilse Langner. Sie taten sich zusammen und veröffentlichten einen Brief an den Oberbürgermeister, der folgendermassen begann und von 18 Autoren und Künstlern unterzeichnet war:

“Die unterzeichneten in Baden-Baden ansässigen Autoren und Künstler protestieren mit allem Nachdruck gegen ihren befremdlichen und bestürzenden Angriff auf die geistige Freiheit. Eine solchen Angriff sehen wir in Ihrem abrupten Aufführungsverbot des Schauspiels “Mutter Courage und ihre Kinder” von Bertolt Brecht.

Bertolt Brecht ist ein Dramatiker von überpolitischem, internationalem Rang, der auf den Bühnen der ganzen Welt gespielt wird. Deshalb bestreiten wir einer kommunal begrenzten Instanz das Recht, das Leben und Schaffen eines solchen Dichters aus politischen Augenblicksaspekten heraus zu beurteilen.”

Die CDU-Fraktion von Baden-Baden erklärte nach dem Einspruch der FDP-Fraktion öffentlich ihre Absicht, “falls das Stück nicht abgesetzt wird, heute in dieser öffentlichen Sitzung ihre Missbilligung zu erklären” und ferner “Aber wir würden es angesichts der politischen Situation heute, im geteilten Deutschland, für eine politische Würdelosigkeit – schlimmer noch, für eine Dummheit halten, wenn wir in unserer freiheitlichen Demokratie, in der Bundesrepublik, das Stück eines auf den Schild – offiziell auf den Schild – gehobenen Propagandisten des kommunistischen Gewaltregimes des Herrn Ubricht aufführen würden, noch dazu in einem Theater, das nicht unerheblich mit öffentlichen Mitteln gestützt wird.”

Eine Reihe anderer Intendanten in der Bundesrepublik (jedoch mit vielen Ausnahmen) setzten Brecht ebenfalls vom Spielplan ab, und das Verbot löste eine umfassende Diskussion aus, mit ablehnenden und bejahenden Stimmen zum Verbot. Der Oberbürgermeister von Baden-Baden sagte auf einer späteren Versammlung auch folgendes:

“In der Weimarer Republik ist eine Perversität des Geistes und der Moral geduldet worden, die schliesslich mit zum Steigbügelhalter der Diktatur wurde. Jetzt sind es dieselben intellektuellen Kreise, die glauben, sie könnten die Moral von heute unterminieren. Er könne daher den Baden-Badener Autoren nur wünschen, dass sie ihre geistigen Produkte in der Ostzone schreiben”…”Wir werden jedenfalls demgegenüber in Baden-Baden eine saubere Haltung bewahren und der geistigen Zügellosigkeit keinerlei Entfaltundsmöglichkeiten geben. Das abgesetzte Stück wird daher nicht gespielt.” (Tosender, minutenlang anhaltender Beifall).

In einer Versammlung der Baden-Badener CDU sagte eine Teilnehmerin “Es wird höchste Zeit, dass eine gewisse Zeitung in Baden-Baden bestimmte Redakteure auf ihre fragwürdige politische Haltung überprüfen lässt” (Erneut tosender Beifall der Versammlungsteilnehmer).

Eine für die Abendschau des Südwestfunks angesagte Diskussion über das Verbot zwischen dem Oberbürgermeister, Herbert Wendt und dem Theaterintendanten musste abgesagt werden, weil der Oberbürgermeister “nach anfänglicher Zusage einen Rückzieher machte”. FDP, SPD und FWG in Baden-Baden wandten sich gegen das Verbot, wie auch führende westdeutsche Tageszeitungen (Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Neue Ruhrzeitung usw.).

Promotion und erste Jobs

Ich promovierte 1957 mit einer Arbeit über das Verhalten vonParamecium, und musste jetzt schleunigst eine Stelle finden, weil meine Ersparnisse minimal waren. Es war üblich, dass der Professor einem etwas vermittelte (die Stellen wurden nicht ausgeschrieben). Professor Rensch vermittelte mir eine Stelle als Forschungsassistent an der Vogelschutzwarte Essen-Bredeney, wo ich über die Fressgewohnheiten von Brieftauben arbeiten sollte. Brieftaubenhaltung war damals weit verbreitet, doch schädigten die Tauben die Getreideernten, und Wissen über Nahrungsvorzüge könnte zur Verminderung solcher Schäden führen. Die Stelle war aber nur kurzfristig finanziert und so war ich erleichtert, als mir wieder durch Professor Rensch eine Stelle als Assistent bei den ASTA-Werken (pharmazeutische Industrie) in Brackwede vermittelt wurde. Mein Boss dort war Professor Erhardt, den ich schon aus Münster oberflächlich kannte. Ich hatte keinerlei parasitologische Vorbildung, las mich aber schnell in das Gebiet ein. Meine Aufgabe war, neue Tests für die Auswertung von Mitteln gegen Hakenwürmer, Filarien und Bandwurmlarven zu entwickeln, was ich auch mit einem gewissen Erfolg tat. Ich publizierte einige Arbeiten, war aber sonst sehr unglücklich in der Stelle: persönliche Differenzen (eine Bemerkung Professor Erhards ist mir noch in Erinnerung: er arbeitete über die geographische Verbreitung gewisser Parasiten und stellte Verbreitungskarten zusammen; er sagte mir einst voller Stolz: ja ja Herr Rohde, das erste Werk für den neuen deutschen Generalstab). So trennten sich Professor Erhard und ich nach etwa zwei Jahren, und ich ging für ganz kurze Zeit an die Vogelwarte Helgoland, damals in Wilhemshaven, um Ringbefunde am Eisvogel auszuwerten. Eine kurze Arbeit über die Ergebnisse wurde publiziert. Ich hatte mich aber schon um einige Stellen im Ausland beworben, Äthiopien, Canada, Malaya, Australien, usw. und bekam auch bald zwei Zusagen, eine aus Canada, wo ich über Infektionen von Austern arbeiten sollte, die andere aus Malaya als Dozent (lecturer) an der University of Malaya in Kuala Lumpur. Die Tropen übten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus und so entschloss ich mich für Kuala Lumpur.Also: Ade Bundesrepublik, zumindest bis auf weiteres.



Gemütszustand 1954. Aus meinem Skizzenbuch. © Klaus Rohde

Was den Gemütszustand anbetrifft, der war natürlich nicht immer nur negativ, sondern oft auch positiv. In Münster habe ich besonders in Erinnerung das Skatspielen mit meinen Freunden aus der Ostzone bei Bier und Bockwurst in verschiedenen Kneipen, das Baden im Aasee oder dem toten Arm des Kanals, die Radtouren in der Umgebung Münsters und einmal eine grössere Tour an die Nordsee, gelegentliche Abende bei Pinkus Müller (einer alten Kneipe/Restaurant) mit gutem Essen, das Zeichnen in der Umgebung und Stadt, und Exkursionen mit Professor Rensch nach Österreich und Banyuls sur mer in Südfrankreich. Politisch und wirtschaftlich ging es trotz des Überlebens überholter Vorstellungen so langsam bergauf: nicht überraschend, man war ja so weit unten, dass es eigentlich nur nach oben gehen konnte. Brecht: seine Werke wurden zwar an manchen Bühnen vom Spielplan abgesetzt, an vielen aber eben nicht, und führende Zeitungen, selbst rechts gerichtete wie die Welt, nahmen für ihn Stellung. Zum Abschluss daher:



Frühling bei Münster. Aus meinem Skizzenbuch. © Klaus Rohde



Der Dom in Münster um 1954. Wie die gesamte Innenstadt war auch der Dom stark zerbombt. Zustand des Domes 1954. Aus meinem Skizzenbuch. © Klaus Rohde.

Andere Teile meiner Erinnerungen hier.

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