Deutsch Heute. In memoriam Harry Graf Kessler und Fritz von Unruh

· Erinnerungen, Philosophie, Politik
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Harry Graf Kessler war ein Offizier, Diplomat, Kunstmäzen und Pazifist, Fritz von Unruh ein zu seiner Zeit viel gelesener und aufgeführter Schriftsteller, Offizier und Pazifist, beide überzeugte Anti-Nazis und in die Emigration gezwungen.Deutschland im FrühlingPhoto von Josef Alvermann (“Wanderung”). © Josef Alvermann, Baden-Baden.Was ist deutsch? Eine gefährliche Frage, weil jede Antwort leicht zur Aufstellung von Stereotypen führt. So zum Beispiel die Antwort eines Gesprächpartners von Harry Graf Kessler (oder von ihm selbst?), aus: Harry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937. Frankfurt 25. April 1932 (einzusehen unter Der Spiegel, Edition Gutenberg):“Ich sagte, mit der Zeit hätte ich zwei Grund-Wesenszüge des Deutschen, namentlich des jungen Deutschen, als absolut und unveränderlich erkannt, die bei jedem, ob er links oder rechts stehe, ob Kommunist, Nazi, Sozialdemokrat oder Spießer, immer durch alle Umhüllungen und Weltanschauungen hindurchbrächen: die Flucht in die Metaphysik, in irgendeinen ›Glauben‹ (Marxismus, Kommunismus, Hitlerismus, Philosophie oder was immer), und den Trieb zum Drill, zum Strammstehen und Kommandiertwerden oder Kommandieren; im Gegensatz zum jungen Franzosen habe der junge Deutsche gar keinen Trieb zur wirklichen Unabhängigkeit, zur persönlichen, unbeschränkten Freiheit. Der junge Deutsche schlägt auch über die Stränge wie jeder junge Mensch, verlangt aber eben nach Strängen, sonst macht ihm die Freiheit keinen Spaß.”
Ist das wirklich so, oder war es so kurz nach dem ersten Weltkrieg? Eine Frage, die ich nicht beantworten möchte. Es scheint mir sehr fraglich, dass es “Grund-Wesenszüge” eines Volkes gibt, und sicherlich ändern sie sich mit der Zeit. Wichtiger, im Zusammenhang meiner unten dargestellten Erfahrungen, erscheint mir die ebenfalls von Graf Kessler gemachte Bemerkung aus seinen Tagebüchern, in Bezug auf den Zusammenbruch der Weimarer Republik:“……Fritz von Unruh……..Der Hauptgrund für die Niederlage der Republik sei, meinte er, daß sie vollkommen die Rolle der Jugend und die des Heroismus in der Politik verkannt habe…………man habe sie bagatellisiert, als unwichtig erklärt. So sei ihr Gewicht voll in die Waagschale der Gegenseite, der Reaktion, gefallen und habe jetzt das meiste zum Sieg der Hitlerleute beigetragen, die es verstanden hätten, sich ein Monopol auf die Jugend und die (mystische) Opfersehnsucht zu sichern.”Diese Meinungen wurden vor etwa 90 Jahren abgegeben und standen unter dem Eindruck des verlorenen ersten Weltkrieges. Stimmten sie und stimmen sie? Siehe hierzu auch den folgenden Post.Dies jedenfalls sind einige Eindrücke, die ich während eines Berlin-Besuches vor anderthalb Jahren hatte (ursprünglich publiziert im April 2008 als Post in meinem Blog “Science, Politics and Art”):Deutsche Weisheit, Deutsche Dummheit V. Gefahr von rechts?

In meinem Beitrag “Deutsche Weisheit, Deutsche Dummheit III. Kaffee, Kuchen und Kultur” habe ich auf einige sehr positive Erfahrungen während meines letzten Deutschlandbesuchs hingewiesen. In diesem Beitrag will ich auf einige weniger positive Eindrücke eingehen.

Stichwortartig:

Bei einem Spaziergang irgendwo im Osten Berlins Ende 2007 (Prenzlauer Berg oder Pankow) fiel mein Auge auf einige Graffiti über einem Schuleingang (Kindergarten oder Grundschule). Am auffallendsten war: “Nie wieder Deutschland”. Wer hat das wohl hingekritzelt? Vielleicht sogar ein Lehrer? Und warum war das nicht schon entfernt worden?

Die Beobachtung erinnerte mich an das, was mir eine Schülerin (18 Jahre alt) erzählte, die vor kurzem mit ihrer Familie aus der Rheingegend nach Australien gekommen war. Goethe niemals, aber gleich dreimal drittklassige Literatur über den Holocaust im Deutschunterricht an dem von ihr besuchten Gymnasium. Sie habe sich nicht mit Deutschland identifizieren wollen (oder so ähnlich).

Das folgende ging durch die Presse. Ein Professor für alte Geschichte an der Universität Greifswald hatte gewagt zu äussern, dass jedes (nicht nur historische) Ereignis einmalig sei, dass beziehe sich auf den Holocaust genauso wie auf andere Ereignisse. Aufruhr in der Presse. Eine mecklenburgisch-vorpommerische Zeitung fragte: Ging deutscher Professor ins Neonazi-Netz? Welcher Unfug: selbstverständlich ist jedes historische oder sonstwie Ereignis einmalig. Wenn jemand das Gegenteil behauptet, hat er keine Ahnung von Logik oder ist sonstwie ein Esel. Man wälzt sich sozusagen im Schlamm seiner eigenen Verworfenheit und will auf keinen Fall zugeben, dass der Holocaust zwar in seiner Art einmalig war, aber – was die Zahl der Getöteten oder die Zahl der Mittäter oder Mitwisser anbetrifft – durchaus nicht an der Spitze stand. Man sollte hierzu auch “Brief an einen jüdischen Freund” des bekannten italienischen Historikers und Publizisten Sergio Romano lesen. Romano war, unter anderem, Botschafter Italiens in Moskau und bei der Nato, und verfügt über erhebliches moralisches Renommee.

Der Deutsche heutzutage leidet daran, sich im Meer seiner Sünden geradezu sonnen zu wollen. Erinnere man sich doch an die Äusserung der Entwicklungsministerin vor etwa einem Jahr in Namibia, dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Es hörte sich an, als brüstete sie sich damit, das Deutschland als erstes Land des 20. Jahrhunderts das schlimmste Verbrechen begangen habe, nämlich bei der Niederschlagung des Herero-Aufstandes 1904-1908. Man schätzt, dass zwischen 24 000 und 64 000 Herero und etwa 10 000 Nama getötet wurden (Wikipedia). Vergleicht man hiermit den Philippinisch-amerikanischen Krieg von 1899 bis 1902 oder länger (1913): etwa 20000 philippinische Soldaten und 250 000 – 1 000 000 Zivilisten getötet (Wikipedia). Zu beachten ist, dass diese amerikanische Agression früher im 20. Jahrhundert als der Aufstand in Südwestafrika stattfand. Mir ist nicht bekannt, dass ein amerikanischer Minister jemals in den Philippinen war, um sich zu entschuldigen.

Ein weiteres betrübliches Beispiel aus einem Spiegel-Interview (”Widerwärtige Vorwürfe”, 25.6.07) mit dem estländischen Präsidenten Hendrik Ilves: ……….

Spiegel: Sie meinen die Verschleppung Ihrer Landsleute nach Sibirien, nachdem die Sowjets in Estland einmarschierten?Ilves: Man kann über die Interpretation von Geschichte streiten, aber es ist sehr schwierig, über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Massengräber und Tausende erschossener Menschen zu streiten. Dass die Sowjetunion im Baltikum massive Verbrechen gegen die Menschlichkeit beging und sich nicht wie ein Befreier verhielt – das sind Fakten. Ich finde es widerwärtig, uns vorzuwerfen, wenn wir über sowjetische Verbrechen gegen die Menschlichkeit sprechen, macht uns das zu Faschisten.Spiegel:Auch die Deutschen irritiert die Sichtweise vieler Balten, wonach die Nazi-Besatzung nicht wesentlich schlimmer gewesen sei als die sowjetische.Ilves: Wenn Sie mir sagen, die Nazis waren schlimmer, dann sage ich Ihnen, dass sie die kulinarischen Gewohnheiten von Kannibalen vergleichen. Ich werde nicht sagen, wer schlimmer war. Im Hinblick auf die Zahl der Ermordeten meine ich, dass die Kommunisten mehr Menschen getötet haben.…..”

Ist es nicht fast unglaublich, dass die Russen schlimmer sein sollen als die Deutschen? Anscheinend schwer verständlich für manche Deutschen.

All das das Ergebnis von 60 Jahren Hirnwäsche? All das vielleicht ganz bewusst von aussen inszeniert, um gewisse politische Ziele durchzusetzen? Eine ganze Reihe von Ländern haben ja ein direktes Interesse daran, Deutschland sozusagen moralisch unten zu halten. Es scheint mir, dass man sich instrumentieren lässt und sich damit vielleicht in zukünftige politische Aktivitäten verwickelt, die schlimmer als der Holocaust sein können.

Sollte man also den Patriotismus abschreiben und sich aufs Geldverdienen und Urlaubmachen beschränken?¨ Hierzu Henryk Broder, der ziemlich regelmässig Spiegelbeiträge schreibt und vor einiger Zeit schrieb, dass Schopenhauer (den ich sehr verehre) das letzte Wort über den Patriotismus geschrieben habe. Broder schreibt: “Über das Thema Patriotismus gibt es nichts Neues zu sagen, zumindest nichts, was über das ultimative Wort des Philosophen Arthur Schopenhauer hinaus weisen würde: “Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füssen zu verteidigen.”

Das stimmt zwar im Zusammenhang des frühen 19. Jahrhunderts, und es stimmt, wenn man Patriotismus gleichsetzt mit Hurra-Patriotismus und Militarismus, aber es stimmt nicht im jetzigen Zusammenhang des Vereinten Europa. Jeder sollte stolz auf die kulturellen Errungenschaften seines Landes sein und dazu beitragen, sie weiter zu entwickeln. Die kulturelle inklusive sprachliche Diversität der einzelnen europäischen Länder muss auf jeden Fall bewahrt bleiben, und sie kann zur Stärke Europas beitragen. Um noch einmal auf Henryk Broder zurückzukommen: Nichts ist ultimativ, alles und jedes muss jederzeit neu überdacht werden in Bezug auf die Probleme der Zeit.

Man hört viel über die Gefahr von rechts. Die extreme Rechte, die sich in Extremfällen in Angriffen auf Nichtdeutsche oder vermutlich Nichtdeutsche äussert, hat wohl nur dann eine Chance, wenn man ihr durch falsches politisches Handeln einen Vorwand dafür liefert, sich als alleinige Vertreterin deutscher Interessen auszugeben. Will man solchen Leuten Vorschub leisten, indem man sich immer “politisch korrekt” verhält und sich weigert, die elementarsten Regeln des politischen und historischen Verstehens und Handelns auf sich selbst anzuwenden und sich um das wirklich korrekte Verhalten herumdrückt, weil es im Augenblick einfacher zu sein scheint? Oder bereiten Leute, die sich einbilden, der Rechten durch richterliche Massnahmen usw. Einhalt gebieten zu können, ihr durch ihre “korrekte Politik ” (political correctness) erst recht den Weg?

Weiteres hierzu in meinem Buch

Satire, Politik und Kunst: http://www.lulu.com/content/378808

Noch einmal Fritz von Unruth
“Der Hauptgrund für die Niederlage der Republik sei, meinte er, daß sie vollkommen die Rolle der Jugend und die des Heroismus in der Politik verkannt habe…………man habe sie bagatellisiert, als unwichtig erklärt. So sei ihr Gewicht voll in die Waagschale der Gegenseite, der Reaktion, gefallen und habe jetzt das meiste zum Sieg der Hitlerleute beigetragen, die es verstanden hätten, sich ein Monopol auf die Jugend und die (mystische) Opfersehnsucht zu sichern.”
Opfersehnsucht und Heroismus hören sich heutzutage vielleicht(?) etwas überzogen an, doch scheint mir, dass die Erziehung zum reinen Hedonismus auf die Dauer katastrophale Konsequenzen haben muss. (Siehe auch hier).Was meint Ihr dazu?Sind meine Eindrücke typisch?Braucht der Deutsche mehr Stolz?Gibt es überhaupt einen nationalen deutschen Wesenszug?Ist der Hedonismus in Deutschland zu weit gegangen?Wie seht Ihr die nahe Zukunft?Wie, meint Ihr, wird sich Deutschland in einer mehr und mehr durch wirtschaftlichen Konkurrenzdruck bestimmten Welt behaupten?Was passiert, wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist, die sozialen Leistungen zu gewährleisten, an die der Deutsche gewöhnt ist?Habt Ihr wie ich den Eindruck, dass der Deutsche die Tatsache, dass er Europäer ist, oft übersteigert betont auf Kosten der Tatsache, dass er Deutscher ist, ganz im Gegensatz zu anderen Europäern?Trotz aller Kritik, Deutschland hat sich immerhin trotz zweier verlorener Weltkriege in den letzten Jahrzehnten erfolgreich entwickelt. Sollte das Anlass zum Optimismus sein?Weitere ErinnerungenhierDanksagungIch danke Josef Alvermann, Baden-Baden, für das Farbphoto.QuelleHarry Graf Kessler: Tagebücher 1918-1937. Frankfurt 25. April 1932 (einzusehen hier).

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