Freie Marktwirtschaft und Ökologie

· Ökologie und Evolution
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Hintergrund

Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Auslese war entscheidend beeinflusst durch einen führenden Geologen seiner Zeit, Charles Lyell, einen führenden Demographen, Thomas Robert Malthus, und einen führenden Ökonomen, Adam Smith. Lyell [1] schlug die Theorie des Uniformitarianismus vor, nach welcher geologische Strukturen in der Vergangenheit durch die gleichen Faktoren zustande kamen, die in der Gegenwart wirksam sind, und dass die Veränderungen allmählich vor sich gingen. Malthus [2] erkannte, dass die Nachfrage schneller als das Angebot wächst, was zum Wettbewerb um Ressourcen führt, und Smith [3] schlug vor, dass Marktkräfte die Preise regulieren und so zu einem Gleichgewicht führen, das die von Malthus vorrausgesagten Katastrophen verhindert. Ferner schlug er einen Mechanismus vor, der den freien Handel zwischen Ländern rechtfertigt, nämlich das Prinzip des absoluten Vorteils, das bald durch Ricardos [4] Prinzip des komparativen (vergleichsweisen) Vorteils ersetzt wurde. – Darwins [5] Theorie stellt die Grundlage eines Grossteils der modernen Ökologie dar, die am besten als Gleichgewichts-Ökologie bezeichnet wird [6] . Ihre drei Säulen sind der Wettbewerb um Ressourcen, Überleben der Geeignetsten, und Gleichgewicht in der Natur. – Parallel dazu basiert die freie Marktwirtschft weitgehend auf den Ideen von Smith und Ricardo. Ihre Säulen sind der Wettbewerb um Ressourcen, das Prinzip des komparativen Vorteils, und Gleichgewicht in der Wirtschaft, obwohl viel in den letzten 200 Jahren passiert ist und zumindest einige Ökonomen Ungleichgewichts-, ökologische und psychologische Vorstellungen berücksichtigten. – Hier untersuchen wir, wie neuere Untersuchungen unsere Vorstellungen über Gleichgewicht in ökologischen Systemen verändert haben, und ob diese Befunde auf die Ökonomie angewandt werden können.

Definitionen

Absoluter Vorteil

: ein Land hat einen absoluten Vorteil in der Herstellung eines Produktes über ein anderes Land, wenn seine Herstellungskosten für dieses Produkt niedriger sind.

Alternativkosten: die Menge eines Produktes, die aufgegeben werden muss, damit eine zusätzliche Einheit eines anderen Produktes hergestellt werden kann.

Autökologie: die Untersuchung der Ökologie bestimmter Arten und Populationen.

Begrenzende Ressource: eine Ressource (Nahrung, Raum, usw.), die in potentiell begrenzendem Ausmass verfügbar ist, d.h. die die Populationsgrösse begrenzt, selbst wenn andere Ressourcen ausreichend vorhanden sind.

Charakterverdrängung: die Veränderung der Eigenschaften einer Art infolge des Wettbewerbes mit anderen Arten oder der Verstärkung von Fortpflanzungsbarrieren (Wallace-Effekt).

Dichte-Abhängigkeit: Abhängigkeit von der Populationsdichte (Individuen per Gebietseinheit).

Evolution: Veränderungen in Arten und ihrer Eigenschaften im Laufe der Zeit.

Gleichgewicht: Balance in der Wirtschaft und Natur.

Komparativer (vergleichsweiser) Vorteil: ein Land hat einen komparativen Vorteil in der Herstellung eines Produktes über ein anderes Land, wenn seine “relativen Produktionskosten” niedriger sind (oder: für welches die Alternativkosten der Produktion niedriger sind: siehe Alternativkosten).

Leere Nische : das Potential, dass mehr Arten in einem Habitat existieren können, als zu einem gegebenem Zeitpunkt vorhanden sind.

Malthusische Katastrophe : Katastrophe (Populationszusammenbruch) als Folge der Diskrepanz in der Zunahme der Nachfrage und des Angebotes. Natürliche Auslese : Mechanismus, gemäss dem die Evolution eine Folge des Überlebens der Geeignetsten ist.

Nische : der Platz einer Art in der Natur, oder: der Platz einer Art im hyperdimensionellen Nischenraum (Nischenraum mit vielen Nischendimensionen; siehe: Nischendimension).

Nischendimension : eine von vielen Nischendimensionen (z.B. Habitat, Nahrung, Salinität, Umweltstemperatur, Wirt eines Parasiten, usw. usw.), die den Platz einer Art in der Natur bestimmen. Optimierung : optimale (best-mögliche) Anpassung an Umweltsbedingungen. Ungleichgewich t: Nicht-Balance in der Natur. Uniformitarianismus : Theorie die behauptet, dass geologische Strukturen in der Vergangenheit durch die gleichen Prozesse zustande kamen, die in der Gegenwart wirksam sind, und dass Veränderungen allmählich stattfanden. Vagilität : der Grad, zu welchem Individuen oder Arten sich innerhalb eines Habitats oder zwischen Habitaten bewegen können. Verstärkung von Fortpflanzungsbarrieren (= Wallace-Effekt ): Veränderungen der Eigenschaften einer Art, die die Hybridisierung mit nahe verwandten (kongenerischen = zur gleichen Gattung gehörenden) Arten verhindert, wenn solche Arten sympatrisch (nahe beieinander) leben.

Wallace-Effekt: siehe Verstärkung von Fortpflanzungsbarrieren.

Wettbewerb: Prozess, der zum Überleben der Geeignetsten innerhalb einer Art (intraspezifischer Wettbewerb) oder zwischen Arten (interspezifischer Wettbewerb) führt.

Die Vorteile des Freien Handels

Es soll nicht bezweifelt werden, dass freie Märkte/freier Handel grosse Vorteile für viele Länder brachten und Millionen aus der Armut befreit haben. Die Absicht dieses Artikels ist nicht, dies in Abrede zu stellen, sondern davor zu warnen, die freie Marktwirtschaft zum Dogma zu erheben, das unter allen Bedingungen befolgt werden muss, ohne Rücksicht auf die lokalen Bedingungen und potentielle Gefahren für Entwicklungs- (und entwickelte) Länder.

Geschichte der Konzepte

Wie oben schon erwähnt, hat sich vieles in der Wirtschaftstheorie in den zwei Jahrhunderten seit Smith und Ricardo getan. Dieser Artikel beabsichtigt nicht, alle diese Entwicklungen zu diskutieren, sondern beschränkt sich darauf, einige “klassische” Annahmen, die in der Wirtschaftstheorie immer noch dominieren, kritisch zu analysieren.

Freie Märkte in der Wirtschaft

Ricardos Prinzip des komparativen (vergleichsweisen) Vorteils ersetzte das frühere Prinzip des absoluten Vorteils von Adam Smith als Rechtfertigung des freien Handels. Es besagt, dass es für ein Land von Vorteil ist, sich auf ein Produkt zu konzentrieren, für dessen Herstellung es nicht nur einen absoluten, sondern auch einen komparativen Vorteil besitzt , d.h. für welches die “relativen Herstellungskosten” niedriger sind (oder: für welches die Alternativkosten niedriger sind, wo die Alternativkosten definiert sind als die Menge eines Produktes, die aufgegeben werden muss, um eine zusätzliche Einheit eines anderen Produktes herzustellen). Selbst aus dem Gesichtspunkt eines Landes, das einen absoluten Nachteil in der Herstellung einiger Produkte besitzt, wird Konzentration auf Produkte mit den niedrigsten Alternativkosten von Vorteil sein. In anderen Worten: beide Länder werden dadurch gewinnen, dass sie sich auf Produkte konzentrieren, die sie vergleichsweise billiger produzieren können: das generelle Ergebnis wird eine Vermehrung des Gesamtproduktes beider Länder sein.

Suranovic (2007) [7] führt eine Anzahl von Bedingungen an, auf die sich das Prinzip gründet. Sie sind für die einfachste Form des Modelles: 1) Arbeit ist homogen innerhalb von aber heterogen zwischen Ländern; 2) Produkte können kostenlos zwischen Ländern transportiert werden; 3) Arbeit kann kostenlos zwischen Industrien innerhalb eines Landes aber nicht zwischen Ländern transferiert werden; 4) es gibt keine Arbeitslosigkeit; 5) es gibt Unterschiede in der Produktionstechnologie zwischen Industrien und Ländern; 6) Arbeit- und Produkt-Märkte sind vollkommen wettbewerbsfähig in allen Ländern; 7) Firmen maximieren Profit und Verbraucher maximieren den Nutzen.

Die meisten dieser Bedingungen sind unrealistisch in der modernen Welt (und sie waren wahrscheinlich immer unrealistisch). Komplexere Modelle, die entwickelt wurden, um das Prinzip zu “retten”, berücksichtigen dies jedoch.

Ein weiteres Argument gegen die Gültigkeit des Prinzips, das für den einfachen Fall von zwei Ländern plausibel erscheint, ist die Möglichkeit, dass es sich nicht auf den weitaus komplizierteren Fall von vielen Ländern anwenden lässt: hat grössere Komplexität vielleicht eine ganz andere Dynamik zur Folge? In der Ökologie kann der Grad der Komplexität die Stabilität eines Systemes beeinflussen: ein wichtiges Problem ist, ob komplexe Systeme stabiler oder unstabiler als einfache Systeme sind.

Die Frage stellt sich daher: wie verbreitet sind Bedingungen, die die Anwendbarkeit von Ricardos Prinzip rechtfertigen?

In diesem Zusammenhang ist der Nachweis von Chang [8] wichtig, dass der freie Handel in der Geschichte von entwickelten Ländern immer dazu benutzt wurde, weniger entwickelte Länder “unten” zu halten und ihre Industrialisierung zu verhindern. – Ein besonders eindeutiges Beispiel ist der Missbrauch des “freien” Handels in den Opiumkriegen zwischen Grossbritannien und China 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860, nicht lange nach Ricardo. Sie führten zur Korruption Indiens, wo das Opium produziert wurde, und Chinas, das gezwungen wurde, Opium zu importieren, und dies alles im Namen des freien Handels: Grossbritannien brauchte den Opiumhandel, um für wertvolle Importe aus China zu bezahlen. Dies deutet an, dass das Prinzip möglicherweise auf den Handel zwischen Ländern angewendet werden kann, die sich ähneln (in Grösse, Technologie, Bildung, Tradition, usw.), doch dass es nicht angewendet werden kann auf Länder, die sich stark in ihren Wettbewerbsfähigkeiten unterscheiden, was den Weg öffnet für den Stärkeren, seine Macht zu missbrauchen (siehe zum Beispiel den Kollaps der letzten Doha-Verhandlungsrunde über den internationalen Handel). – Mehr generell, das Prinzip macht falsche Annahmen, indem es die psychologischen “Defekte” der Partner ignoriert und daher falsche Voraussagen macht.

Gleichgewicht oder Ungleichgewicht in der Ökologie?

Was kann die Ökologie uns in dieser Hinsicht lehren?

Darwins Theorie der natürlichen Auslese stellt die Grundlage der modernen Evolutionslehre und Ökologie dar. Darwin war beeinflusst durch die Ideen von Thomas Malthus und Adam Smith. Nach Malthus wächst die Nachfrage stärker als das Angebot, weil Populationen exponentiell und Nahrungsangebot nur arithmetisch wachsen, was zum Kampf ums Überleben, d.h. zum Überleben der Geeignetsten führt. Nach Adam Smith sind freie Märkte Regulationsmechanismen, die auf der Grundlage der Nachfrage und des Angebotes wirken und zur Selbstregulierung (durch die sogenannte “unsichtbare Hand”) führen und damit zu einem Gleichgewicht. Die von Malthus vorausgesagten Katastrophen (“Malthusische Katastrophen”) bleiben wegen des Wettbewerbes (d.h. der Auslese) aus. In anderen Worten: Gleichgewichtsannahmen sind wesentlich für die Theorie der natürlichen Auslese. Darwin schrieb in seinem “Origin of Species”, dass in der Natur “Schlacht innerhalb Schlacht” fortwährend stattfinden müssen mit unterschiedlichen Graden des Erfolges, aber auf die Dauer sind die Kräfte fein balanciert. Der grosse Ökologe Hutchinson (1948) [9] hielt es für selbstverständlich, dass Stabilität (als Folge von selbst-korrigierenden Mechanismen) charakteristisch für die meisten ökologischen Systeme ist und ihr Fortdauern sichert. Der grosse Evolutionsbiologe Dobzhansky (1967) [10] schrieb, dass die natürliche Auslese und mit ihr der evolutionäre Prozess das Ergebnis des Wettbewerbes sind und daher durch dichte-abhängige Prozesse bestimmt werden. Bis auf den heutigen Tag ist die Annahme weit verbreitet, dass der Wettbewerb zwischen Individuen und Arten in ökologischen Systemen von überragender Bedeutung ist und zum Gleichgewicht führt.

Ist diese Annahme jedoch wirklich zu rechtfertigen? Führende Ökologen haben wiederholt darauf hingewiesen, dass Gleichgewichtsbedingungen in der Natur nicht so häufig sind, wie oft angenommen. Andrewartha and Birch (1954) [11] , zum Beispiel, bezweifelten die überragende Rolle des Wettbewerbes und das generelle Bestehen von Gleichgewichtszuständen. Sie widersprachen der Tendenz, Unterschiede zwischen Arten durch einen Wettbewerb um begrenzende Ressourcen mit resultierender Charakterverdrängung zu erklären und wiesen darauf hin, dass die Existenz ähnlicher Arten in ähnlichen Habitaten zu erwarten sei. Man sollte daher eher fragen: warum können Arten mit verschiedenen ökologischen Bedürfnissen zusammenleben? – Hengeveld and Walter (1999) [12] unterschieden zwei sich gegenseitig ausschliesenden Paradigmen in der Ökologie, das demographische und das autökologische Paradigma. Im ersteren wird angenommen, dass ökologische Systeme durch Optimierungs-Prozesse getrieben werden (d.h. durch Prozesse, die durch Wettbewerb zu einer ziemlich schnellen Anpassung an angeblich mehr oder weniger konstante Umweltsverhältnisse führen) und damit zu einem Gleichgewicht. Im letzteren gilt das Hauptinteresse idiosynkratischen Anpassungen und der Reproduktion von Populationen und Arten. Nach Hengeveld and Walter ist das erstere Paradigma unrealistisch, weil Umweltsverhältnisse sich laufend ändern und kurzfristige Optimierungen daher nicht möglich sind. Rohde (2005 http://www.cambridge.org/9780521674553 ) [5] schloss aufgrund einer Prüfung vieler Untersuchungen an Pflanzen und Tieren, dass in der Natur Ungleichgewicht häufiger als Gleichgewicht ist. Seine Unterscheidung von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtsökologie stimmt weitgehend mit den beiden Paradigmen Hengevelds und Walthers überein, obwohl er sie nicht für gegenseitig exklusiv hält. Vielmehr zeigte er, dass Gleichgewicht häufiger in Gemeinschaften ist, die aus vagilen und/oder grossen Individuen und/oder grossen Populationen bestehen. Die Literatur zeigt, dass Gleichgewichtssysteme mit vorherrschendem interspezifischem Wettbewerb die Ausnahme und nicht die Regel darstellen. – Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass der Nischenraum weitgehend leer ist, d.h. viele potentielle Nischen sind niemals gefüllt worden. In anderen Worten, es gibt ein Überangebot leerer Nischen . Zum Beispiel ist die Diversität mariner benthischer Wirbelloser über hunderte von Millionen Jahren laufend angestiegen, ohne ein Plateau erreicht zu haben, und ähnliche Habitate unterscheiden sich oft enorm in der Artenzahl, die sie beherbergen.

Was kann uns die Ökologie über Ökonomie lehren?

Wie bereits ausgeführt, sind die Grundannahmen der klassischen Ökonomie und Ökologie überraschend ähnlich. Die Säulen der ersteren sind Wettbewerb um Ressourcen, das Prinzip des komparativen Vorteils, und Gleichgewicht; die Säulen der letzteren sind Wettbewerb um Ressourcen (Kamp ums Dasein), Überleben der Geeignetsten, und Gleichgewicht. In Bezug auf die Ökologie haben wir gesehen, dass Ressourcen selten erschöpft werden, dass Wettbewerb zwar vorkommt aber nicht von der allgemein angenommen Berdeutung ist, und dass Ungleichgewicht häufiger als Gleichgewicht ist. Dies sollte uns veranlassen, zumindest einen kritischen Blick auf die Annahmen der klassischen Ökonomie zu werfen. Es gibt keinen Zweifel, dass Wettbewerb um Ressourcen oft stattfindet, doch es scheint dass Engpässe nur kurzfristig sind. Auf der Seite des Angebotes: neuere Schätzungen zeigten, dass Wellenenergie allein ausreichen würde, um den gesamten Energiebedarf Australiens zu decken; über die Nutzung der Sonnenenergie in der Sahara wird bisher nur geredet. Auf der Seite der Nachfrage: die Nachfrage wird künstlich und fast(?) hysterisch durch Reklame hochgeschraubt, die sich die eingeborene Gier des Menschen und den Drang, dem Nachbarn nicht nachzustehen, zunutze macht; und ist die zu immer grösseren Militär-Ausgaben führende politische Hysterie vielleicht das Ergebnis der aggressiven Instinkte des Menschen, ausgebeutet durch die PR-industriellen Komplexe verschiedener Länder? – Gleichgewicht in der Ökonomie scheint ein ziemlich vorrübergehender Zustand zu sein, wie die gegenwärtige finanzielle Krise zeigt.

Schlussfolgerung

Wie wir gesehen haben, sind einige der Grundannahmen sowohl der Gleichgewichts-Ökologie wie auch der Freien Markt-Ökonomie zweifelhaft. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass in der Natur Wettbewerb und Gleichgewicht unter bestimmten Bedingungen sehr wohl angetroffen werden, und dass in der Wirtschaft unter bestimmten Bedingungen freier Handel sehr wohl von Vorteil für Entwicklungs- und entwickelte Länder sein kann. In der Ökologie können autökologische, d.h. sorgfältige und oft lang andauernde Untersuchungen bestimmter Populationen und Arten, oft von grösserem Nutzen sein als demographische. In der Ökonomie kann eine sorgfältige Analyse lokaler Bedingungen, die eine Entscheidung über den Vorteil freien Handels ermöglicht, oft nützlich sein, insbesondere, wenn man die Beziehungen eines mächtigen Landes mit einem kleinen Entwicklungsland analysiert.

Addendum

Seit die englische Version dieses Artikels erschien, hat Paul Krugman den Nobelpreis für Ökonomie für Arbeit erhalten, die klar impliziert, dass Ricardos Prinzip die tatsächlichen Verhältnisse nicht realistisch erfasst.


Englische Versionhier.

References

Lyell, Charles (1830). Principles of Geology. John Murray, London.
Malthus, Thomas R. (1798). An Essay on the Principle of Population. J.Johnson, London.
Smith, Adam (1776). An Inquiry into the Wealth of Nations. Thomas Nelson, Edinburgh.
Ricardo, David (1817). On the Principles of Political Economy and Taxation. John Murray, London.
Darwin, Charles (1859). On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. John Murray, London.
Rohde, K. (2005). Nonequilibrium Ecology. Cambridge University Press, Cambridge.
Suranovic, S.M. (2007). International Trade Theory and Policy. The Theory of Comparative Advantage – Overview. http://internationalecon.com/Trade/Tch40/T40-0.php
Chang, Ha-Joon (2002). Kicking away the Ladder: Policies and Institutions for Economic Development in Historical Perspective. Anthem Press, London.
Hutchinson, G.E. (1948). Circular causal systems in ecology. Annals of the New York Academy of Sciences 50, 221-246.
Dobshansky, T. (1957). Discussion, from Andrewartha, H.G.: the use of conceptual models in population ecology. Cold Spring Harbour Symposia on Quantitative Biology, p.235.
Andrewartha, H.G. and Birch, L.C. (1954). The distribution and abundance of animals. University of Chicago Press, Chicago.
Hengeveld, R. and Walter, G.H. (1999). The two coexisting ecological paradigms. Acta Biotheoretica 47, 141-170.


Danksagung

Dieser Beitrag beruht auf meinem als englischer Knol publiziertem Beitrag. Ich danke Peter Rohde für nützliche Hinweise.

69 Comments

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  1. Anonymous

    Knol-Verzeichnis — Lieber Knol Autor!Ich arbeite gerade an dem Projekt “Knol-Info” und möchte damit eine gemeinsame deutsche Plattform zu Google Knol erschaffen. Darum habe ich deinen Knol von http://www.knol-info.de/component/mtree/Wirtschaft–2F-Finanzen (http://knol-info.de/) verlinkt, ich hoffe du hast nichts dagegen.Du kannst weitere Knols von dir oder Freunden selbst eintragen, außerdem findest du viele nützliche Informationen und Tipps! Solltest du mit der Verlinkung nicht einverstanden sein, melde dich einfach kurz bei mir.Viele Grüße!Erik

    • Klaus Rohde

      “Neben dem Internet ist eine meiner großen Leidenschaften das Schreiben, ich lese außerdem sehr gerne und bin im Allgemeinen Fan der deutschen Sprache. Daher wird sich auch die Themenvielfalt meiner Knols in alle Richtungen bewegen.Da Knol momentan noch in der Beta-Phase ist, werden wir uns alle bestimmt noch auf einige Änderungen einstellen dürfen. Darum bin ich davon überzeugt, dass wir vor allem in den ersten Monaten so gut wie möglich zusammen arbeiten und uns als Community selbst organisieren sollten. Einer der Schlüsselfaktoren von Knol wird – neben dem Geld – die Organisationsform von Autoren sein. Ziel: Kein zweites Wikipedia!”Das finde ich wirklich gut (oder sagt man “cool” heutzutage), vor allem die Vorliebe für die deutsche Sprache. Ich habe eine ganze Reihe von Knols in Ihre website gestellt, die letzten allerdings ohne Erfolg, unter anderem Wikipedia oder Knol? Meinungsfreiheit und Zensoren.Gibt es da eine Erklärung? Vielleicht sollten Sie sich diesen Knol noch einmal ansehen und vielleicht kommentieren?Ist Knol -Info de. eine offizielle GoogleSeite oder Ihre private?

  2. Norbert Lennartz

    Dogma — “Die Absicht dieses Artikels ist nicht, dies in Abrede zu stellen, sondern davor zu warnen, die freie Marktwirtschaft zum Dogma zu erheben, das unter allen Bedingungen befolgt werden muss, ohne Rücksicht auf die lokalen Bedingungen und potentielle Gefahren für Entwicklungs- (und entwickelte) Länder.”Die Formulierung ist sinnleer. Denn wenn freie Marktwirtschaft kein “Dogma” ist, dann muss ja etwas anderes dafür “Dogma” sein. (Sozialismus oder Interventionismus)Es sollte stattdessen herausgearbeitet werden, was man wirklich kritisieren will.

    • Klaus Rohde

      “Die Formulierung ist sinnleer. Denn wenn freie Marktwirtschaft kein “Dogma” ist, dann muss ja etwas anderes dafür “Dogma” sein. (Sozialismus oder Interventionismus)”Vielen Dank für den Kommentar. Sie implizieren, dass man auf jeden Fall Dogmen haben muss, entweder das or jenes. Ich meine jedoch (und glaube, das klar gemacht zu haben), dass freie Marktwirtschaft wohl im allgemeinen funktioniert, dass man aber nicht dogmatisch sein sollte und in vielen Fällen Ausnahmen gerechtfertigt sind. In anderen Worten, es könnte unter bestimmtren Bedingungen wohl gerechtfertigt sein, zu “intervenieren” oder sogar “sozialistische” Massnahmen zu treffen, wie es ja zum Beispiel in der jetzigen Finanzkrise in den USA passiert ist. Oder: es kann sehr wohl im Interesse von Entwicklungsländern sein, junge Industrien zu subventionieren.

    • Norbert Lennartz

      Ein Dogma sei nach Lexikon eine grundlegende Lehrmeinung, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt. Ob sie nun sagen, man dürfe die freie Marktwirtschaft nicht zum Dogma erheben oder die Form des Wirschaftens mit interventionistischen Ausnahmen (anderer Begriff: “3. Weg” oder “Neoliberalismus”) kommt aufs gleiche raus. Sie haben dann immer eine grundlegende Lehrmeinung, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt. Kein Dogma ist es, wenn Sie die Lösung offen lassen. Sie müssen das einfach ohne logischen Widerspruch formulieren.

    • Klaus Rohde

      Vielleicht werde ich das in der zweisprachigen Vwersion dieses Knols berücksichtigen, der im Augenblick vorbereitet wird.

  3. Lena Waider

    Malthus — Hallo Herr Rohde, ich habe den Malthus etwas anders verstanden. Seine Grundthese war doch im Grunde, dass alle Menschen (Darwin -> alle Lebewesen) so viele Kinder haben möchten, wie sie versorgen können. Hierdurch kommt es zu einem Bevölkerungswachstum, in der Folge zu einem “Kampf ums Dasein” etc. Selbst die Theorie der egoistischen Gene basiert noch immer auf dieser Annahme, nun aber auf Gene bezogen: Alle Individuen möchten ihren genetischen Reproduktionserfolg maximieren. Das ist eine auf Wachstum ausgerichtete These. Allerdings wird sie von der modernen Demografie – mindestens für den Menschen – bestritten. Heute nimmt man an, dass Menschen unterschiedliche Reproduktionsinteressen besitzen, die nicht einmal ein genetisches Fundament haben müssen (z. B. gemäß der ökonomischen Theorie der Fertilität von Gary S. Becker). Dies scheint teilweise auch für das Tierreich zu gelten.Ich habe nicht ganz verstanden, warum Sie den Wettbewerb für in der Bedeutung überschätzt halten. Ressourcen können in dem Sinne auch dann schon knapp sein, wenn sie zwar reichlich vorhanden sind, ihre Gewinnung aber unterschiedlich viel kostet. Verschiedene Individuen werden dann versuchen, Nischen zu besetzen, wo die Ressourcengewinnung zwar teurer ist, sie aber dennoch überleben können.Schließlich wundert mich, dass immer von natürlicher Selektion gesprochen wird. Gegenüber der sexuellen Selektion bzw. der sozialen Selektion in Sozialstaaten halte ich deren Wirkung für marginal. Speziell für den modernen Menschen spielt die natürliche Selektion kaum noch eine Rolle (Bestandserhaltung wird heute bereits bei 2,1 Kindern pro Frau erzielt).Ich habe übrigens im Knol einen Artikel “Systemische Evolutionstheorie” gepostet:http://knol.google.com/k/lena-waider/systemische-evolutionstheorie/1gkbevzlim11a/1Hierbei handelt es sich um eine von Peter Mersch vorgeschlagene Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie, die die Schwächen der Darwinschen Theorie zu vermeiden versucht. Ich könnte mir vorstellen, dass diese auch für ihre ökonomischen Betrachtungen interessant ist.LG Lena

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”ich habe den Malthus etwas anders verstanden. Seine Grundthese war doch im Grunde, dass alle Menschen (Darwin -> alle Lebewesen) so viele Kinder haben möchten, wie sie versorgen können. Hierdurch kommt es zu einem Bevölkerungswachstum, in der Folge zu einem “Kampf ums Dasein” etc.”Genau, so verstehe ich Malthus auch.Sie schreiben:”Ich habe nicht ganz verstanden, warum Sie den Wettbewerb für in der Bedeutung überschätzt halten. Ressourcen können in dem Sinne auch dann schon knapp sein, wenn sie zwar reichlich vorhanden sind, ihre Gewinnung aber unterschiedlich viel kostet.”Wie Andrewartha und Birch, und viele andere, gezeigt haben, sind für zahlreiche Arten und Populationen Ressourcen immer ausreichend vorhanden und können mit den Mitteln der Art leicht ausgenutzt werden. So verstehe ich Ihren Einwand nicht ganz.Sie schreiben:”Schließlich wundert mich, dass immer von natürlicher Selektion gesprochen wird. Gegenüber der sexuellen Selektion bzw. der sozialen Selektion in Sozialstaaten halte ich deren Wirkung für marginal.”Genau das behaupte ich ja. Die natürliche Selektion ist zwar wichtig (und wenn sie wichtig ist, teilweise zumindest aufgrund des Wettbwerbes um begrenzte Ressourcen), aber oft eben nicht, und dann viel weniger wichtig als zum Beispiel die sexuelle Selektion.Mir scheint, dass wir im allgemeinen übereinstimmen.

    • Lena Waider

      Hallo Herr Rohde, ja, im Grunde stimmen wir überein. Es ging mir nur um Feinheiten bei der Übereinstimmung.Zu den knappen Ressourcen: Stellen wir uns einmal eine Entenpopulation an einem Teich oder einem Fluss vor. Es gibt zwar reichlich Ressourcen, doch die muss man suchen und erlangen. Die Nahrungsbeschaffung ist also mit Arbeit verbunden. Doch einmal am Tag kommt eine alte Frau vorbei, um die Enten zu füttern. Und dabei wird man einen z. T. recht ruppigen Wettbewerb erleben. Selbst wenn eine Ente einen recht großen Krumen gefangen hat, gehört dieser noch lange nicht ihr, denn die anderen werden versuchen, ihr den Krumen abzujagen. Für alle Enten sind das besonders leicht zu erlangende Kalorien in sehr konzentrierter Form, deshalb entsteht um sie ein Wettbewerb. Einige Enten werden dabei dominieren und einen größeren Anteil an der zugeworfenen Nahrung bekommen als andere. Die Nahrung ist in soweit knapp, als die alte Frau weniger Kalorien zur Verfügung stellt, als die Gesamtpopulation fressen könnte. Einige Enten werden bei dem Spiel relativ leer ausgehen. Sie sind darauf angewiesen, ihre Nahrung woanders zu finden. Dabei werden sie möglicherweise erfolgreich sein. Dennoch bewirken die unterschiedlichen Kosten bei der Nahrungserlangung einen Konkurrenzkampf.Das ist beim Menschen nicht anders. Wenn in Alaska zwei Goldquellen entdeckt werden:a) eine, bei der man das Gold in dicken Klumpen direkt aus einem Berg hauen kann,b) eine, bei der man winzige Stückchen aus einem Fluss waschen muss,dann wird es um die erste Goldquelle einen starken Wettbewerb geben, ggf. mit Mord und Totschlag.Gold steht dann insgesamt für einen hohen Wert, mit dem man viele Ressourcen erwerben kann (Nahrung, Häuser, Frauen, etc.), und das, wenn man Glück hat, mit geringen Kosten. Folglich kommt es zu einem Wettbewerb.LG Lena

    • Klaus Rohde

      Sicher, die von Ihnen beschriebenen Fälle werden die beschriebenen Konsequenzen haben, d. h. zum Wettbewerb führen, aber wie häufig sind Fälle, wo ein solcher Wettbewerb evolutionäre Konsequenzen hat, und darauf kommt es an. – Um es noch einmal kurz zu sagen: Wettbewerb ist nicht selten, doch Wettbewerb mit evolutionären Konsequenzen ist es. Wie ich in meinem Knol sage:”Bis auf den heutigen Tag ist die Annahme weit verbreitet, dass der Wettbewerb zwischen Individuen und Arten in ökologischen Systemen von überragender Bedeutung ist und zum Gleichgewicht führt.”Wichtig hier: “…und zum Gleichgewicht führt”.

    • Norbert Lennartz

      “Gleichgewicht: Balance in der Wirtschaft und Natur.”Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. In der Wirtschaft geht um ein Gleichgewicht unter kooperativen Bedingungen. Im Wettbewerb zwischen verschiedenen Spezies ist das meist nur ein Gleichgewicht der Kräfte, bei dem jeder “Marktteilnehmer” mal Händler, mal Sklave, mal Ressource, mal Ware sein darf.

    • Klaus Rohde

      “In der Wirtschaft geht um ein Gleichgewicht unter kooperativen Bedingungen”Von kooperativ kann man ja wohl nur sprechen, wenn die Kräfteverteilung nicht zu ungleich ist, sonst endet man auch entweder als Herr oder Sklave.Daher schrieb ich:”In der Ökonomie kann eine sorgfältige Analyse lokaler Bedingungen, die eine Entscheidung über den Vorteil freien Handels ermöglicht, oft nützlich sein, insbesondere, wenn man die Beziehungen eines mächtigen Landes mit einem kleinen Entwicklungsland analysiert.”

    • Norbert Lennartz

      In der Marktwirtschaft geht es um das Gleichgewicht, dass sich unter Angebot und Nachfrage und freier Preisbildung einstellt und für Verteilung der Güter sorgt. Das setzt Kooperation voraus. Gewaltsame Eingriffe in dieses Zusammenspiel verändern die Faktoren und führen zu anderen Gleichgewichten und zu anderer Verteilung. Im Verlauf des Artikels sprechen Sie sich für solche Eingriffe aus (Prohibition von Opium).

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”Im Verlauf des Artikels sprechen Sie sich für solche Eingriffe aus (Prohibition von Opium).”Das tue ich tatsächlich, und ebenso spreche ich mich gegen den freien Handel mit Heroin aus.Tatsache ist doch, dass es wohl kaum Länder gibt oder gegeben hat, die sich dem freien Handel schrankenlos geöffnet haben. Besonders klare Beispiele in der modernen Welt sind die USA und Japan, die zwar scheinbar dem freien Handel huldigen, aber nur scheinbar.

    • Norbert Lennartz

      Ich wollte Ihnen klar machen, dass gewaltsame Eingriffe das Zusammenspiel der Faktoren verändern und zu anderen Gleichgewichten und anderer Verteilung führt. (Bei dem Beispiel zu Beschaffungskriminalität, Schwarzmarkt, Vergiftungen, Medikamentenmangel, Fehlbehandlung usw.) Das scheint Sie überhaupt nicht zu interessieren. (Dass Staaten den Handel immer beschränken, liegt schon an deren Gewalt-Anatomie. Wie sollten die sonst Steuern einnehmen? Ich frage mich ehrlich, was Sie hier beweisen wollen, wenn Sie schon von falschen Voraussetzungen antreten. Mir scheint, Sie haben nur ein moralisches Problem.)

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:Ich wollte Ihnen klar machen, dass gewaltsame Eingriffe das Zusammenspiel der Faktoren verändern und zu anderen Gleichgewichten und anderer Verteilung führt.” —- Es bedarf keines Klarmachens, es ist selbstverständlich, dass das Zusammenspiel der Faktoren geändert wird. Sie gehen aber anscheinend davon aus, dass Gleichgewichte vor einem “gewaltsamen Eingriff” bestanden haben, und dass sich neue Gleichgewichte einstellen werden, was beides zumindest fragwürdig ist. Ungleichgewichte sind häufiger in der Natur (und wohl auch in der Wirtschaft) als Gleichgewichte.Sie schreiben:”Mir scheint, Sie haben nur ein moralisches Problem.” —– In der Tat habe ich ein moralisches Problem (“nur” allerdings kaum). In anderen Worten, ein rein “wissenschaftliches” Herangehen an das Problem ist kaum möglich. Letzten Endes fragt man sich immer, wozu eine Wirtschaftspolitik dienen soll. Ich bin kein Wirtschaftshistoriker, erinnere mich aber gelesen zu haben, dass selbst Smith und Ricardo ihre Wirtschaftsprinzipien moralisch fundierten: gut für das Allgemeinwohl.

    • Norbert Lennartz

      Nein, ich bin mir darüber im Klaren, dass Gleichgewichte nur theoretisch sind. Das ist bei Lösung von Ionen auch der Fall, nur dass man es da im Labor supergut beobachten kann. Das ändert aber nichts daran, dass sich die “theoretischen” Gleichgewichte verschieben können müssen, wenn man die Bedingungen ändert.Wieso soll kein rein “wissenschaftliches” Herangehen an das Problem möglich sein? Die Wissenschaft besteht nicht nur aus Empirie. Das war einmal populärer Irrglaube der Historischen Schule um Schmoller in Deutschland, dass Wirtschaftswissenschaft nur Empirie sein durfte. Darum hat die Historische Schule und ihre Nachfolger auch nichts hervorgebracht, was heute noch Bestand hat. Jetzt kommen Sie daher und wollen in der Tradition weiter machen. Dass Smith und Ricardo fehlbar waren, ist keine Entschuldigung für Unfug.Sie fragen wozu Wirtschaftspolitik gut sein soll. Sie dient den Interessen der Politik. Das “Allgemeinwohl”, ein inhaltsleeres Schlagwort, dient auch nur dazu. Es hat kein wissenschaftliches Fundament.

    • Klaus Rohde

      Ja, Herr Lennartz, ich habe mir die ersten beiden und die letzten Paragraphen Ihrer Arbeit über die Ethik vom Zwang angesehen. Zu mehr reicht mein Interesse nicht. Darf ich Ihre Position als libertären Fundamentalismus bezeichnen?Es liegt mir fern, Details der Wirtschaftspolitik reformieren oder sogar revolutionieren zu wollen. Dafür fehlen mir die Grundlagen. Meine Absicht ist, darauf hinzuweisen, dass sich traditionelle Grundvorstellungen der Ökologie und Ökonomie ähneln und dass diese Grundvorstellungen zumindest in der Ökologie der Überprüfung bedürfen. Ich lege nahe, sich auch die Ökonomie einmal in dieser Hinsicht genauer anzusehen.In anderen Worten, in der Ökologie muss man mathematische Modelle laufend experimentell und empirisch überprüfen, dass sollte man meiner Ansicht nach auch in der Ökonomie tun.Was Ihre Hinweise (in Ihrem Artikel) auf Spencer und die Unmoral des Staates anbetrifft, schön und gut, aber Staaten bestehen nun einmal, ebenso wie es in der Ökologie Populationen und Gemeinschaften von Tieren und Pflanzen gibt, und nicht nur amorphe Ansammlungen von Individuen.

    • Norbert Lennartz

      Offensichtlich sind Sie sich über die Methodik der Wirtschaftswissenschaften nicht im Bilde. Es gibt nicht DIE Ökonomie. Ökonomie wird auf ganz unterschiedliche Weise betrieben. Die von Ihnen verschrieenen mathematischen Modelle gehören zur empirischen Wissenschaft und weil die Wiwi oft empirisch versteift ist, ist deren tatsächliche Aussagekraft auch sehr begrenzt.Was man bezüglich zum Thema Gleichgewicht sagen kann, ist dass man zwischen produktiven und unproduktiven Wirtschaftsformen unterscheiden muss. Das lehren die unproduktiven Eingriffe in die Wirtschaft. Sie führen zu anderer (i.d.R. falscher) Allokation von Gütern mit teilweise überraschenden Konsequenzen wie der Großen Depression, Suprimekrisen, Energiekrisen, dem Internetboom oder der Finanzmarktkrise. Auf die Biologie angewendet sind künstliche Eingriffe oder veränderte Umweltbedingungen ein direkter oder indirekter Einfluss auf best. Ressourcen und deren Verwerter. Eine Verschiebung löst dann in Wellen Probleme für verschiedene Spezies aus. Z.B. für Frösche und Igel, wenn die Schnecken im Ackerbau zurückgehen. Ein neues “Gleichgewicht” stellt sich langfristig tendenziell aber immer ein (wenn nicht der Regelfall dauernder neuer Einflüsse dazu käme). Ist nur die Frage, ob dieses dann erwartet oder wünschenswert ist. In der Ökonomie sind die Folgen der Eingriffe der Unproduktiven selten erwartet und wünschenswert, zumal die Verursacher irrtümlich für das “Allgemeinwohl” zuständig gemacht werden. In der Ökologie wird man wohl auf eine solche krude Allgemeinwohl-Theorie nicht kommen. Dennoch sind die Gründe des Versagens einleuchtend, wenn man die Rolle der Lebensweisen verstanden hat. Das ökonomische Verständnis haben Sie leider nicht versprüht.(Ihre Einwürfe über andere Artikel, sofern qualifiziert, mögen Sie bitte vorzugsweise an geeigneter Stelle vornehmen. Danke.)

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”Offensichtlich sind Sie sich über die Methodik der Wirtschaftswissenschaften nicht im Bilde. Es gibt nicht DIE Ökonomie. Ökonomie wird auf ganz unterschiedliche Weise betrieben.” — Das ist doch Unsinn. In meinem Artikel mache ich auf verschiedene Entwicklungen in der Wirtschaftstheorie aufmerksam, konzentriere mich allerdings auf einige weit verbreitete Annahmen.

    • Norbert Lennartz

      Sie sind sich deshalb nicht im Bilde, weil man in der Ökonomie eigentlich keine mathematischen Modelle bräuchte. Wiwi ließe sich ohne diese ehrlicher betreiben. Ehrlichkeit gehört aber nicht zu den Tugenden in der Wiwi, was sich eben in der Methodik niederschlägt.

    • Klaus Rohde

      Wir scheinen uns ja näher zu stehen als Sie glauben. Auch in der Ökologie sind mathematische Modelle oft (vielleicht fast immer) mit grösster Vorsicht anzuwenden, oft führen sie zu falschen Schlüssen.

    • Norbert Lennartz

      Habe ich mir gedacht aus erkenntnistheoretischen Überlegungen. Kann mir aber kein Urteil über die Wissenschaftspraxis in der Ökologie erlauben.

  4. Norbert Lennartz

    Krugman — Was der Hinweis auf Krugman soll, verstehe ich nicht. Nach Krugman lässt sich ableiten, dass Protektionismus zu falschen Pfaden in der Industrieentwicklung führt. Das widerlegt aber nicht die Theorie des komparativen Vorteils.

    • Klaus Rohde

      Siehe meine Antwort auf den vorhergehenden Kommentar. Und:” Dies deutet an, dass das Prinzip möglicherweise auf den Handel zwischen Ländern angewendet werden kann, die sich ähneln (in Grösse, Technologie, Bildung, Tradition, usw.), doch dass es nicht angewendet werden kann auf Länder, die sich stark in ihren Wettbewerbsfähigkeiten unterscheiden, was den Weg öffnet für den Stärkeren, seine Macht zu missbrauchen (siehe zum Beispiel den Kollaps der letzten Doha-Verhandlungsrunde über den internationalen Handel).” (Ausschnitt aus menem Knol oben).

    • Norbert Lennartz

      Ich verstehe nicht, wie Sie darauf kommen, dass der freie Handel zu Machtmissbrauch führen soll. Es wird ja niemand gezwungen zu kaufen. Wird gekauft, dann ist das eine Win-Win-Situation und kein Machtmissbrauch, egal in welchem Land.

    • Klaus Rohde

      “Es wird ja niemand gezwungen zu kaufen. Wird gekauft, dann ist das eine Win-Win-Situation und kein Machtmissbrauch, egal in welchem Land.”Tut mir leid, dem kann ich nicht zustimmen. Es gibt viele Beispiele, in denen sich ein mächtiges Land seiner wirtschaftlichen und militärischen Macht bediente, um schwächere Länder für Importe zu öffnen, obwohl es nicht im Interesse dieser Länder ist oder war (siehe mein Beispile der Opiumkriege).

    • Norbert Lennartz

      Tja, “Interesse dieser Länder”, das ist ja auch was anderes als das Interesse des freien Handels. Sie werfen da was durcheinander. In Ihrem Beispiel war es das Interesse des chinesischen Kaisers, nicht das Interesse der betreffenden Menschen. Non sequitor.

    • Klaus Rohde

      Wollen Sie damit sagen, dass es im Interesse der chinesischen Menschen war, das Land für den Opiumhandel zu öffnen? Was heisst “Interesse des freien Handels”? Wie kann irgendetwas im Interesse des Handels sein? – Es war nur im Interesse der zur Zeit überragenden Macht: Englands. Niemand sonst profitierte.

    • Norbert Lennartz

      Ja sicher ist es im Interesse der englischen Geschäftsleute und chinesischen Kunden Waren zu handeln. Das ist doch immer so. Was das mit “Macht” zu tun haben soll, müssen Sie erklären. Macht braucht man, um den Handel zu unterbinden. Handel ist kein aggressiver Akt. Wer wie Schaden tragen soll, haben Sie nicht dargestellt.

    • Klaus Rohde

      Opiumsüchtige und Kranke: die Sache ist doch ganz klar. Lesen Sie die Beschreibungen der Opiumhöllen.

    • Norbert Lennartz

      Opium ist ein uraltes Genußmittel und daraus wurden damals unverzichtbare Schmerzmittel hergestellt. China hat selber in großen Mengen Opium angebaut. Nun mit “Opiumhöllen” zu argumentieren, das ist ja total unwissenschaftlich.

    • Klaus Rohde

      Nach L.Carrington Goodrich: A Short History of the Chinese People. Revised edition 1957, Seiten 222 ff.Eine Planze, der Opium-Mohn, während der Manchu-Dynastie eingeführt, hatte weitreichende doch enorm nachteilige Ergebnisse. Sie verwüstete grosse Landflächen, ruinierte Millionen von Familien, “fettete” die Kassen von Steuereinziehern und kurzsichtigen Beamten und Landeigentümern, und führte schliesslich zum Krieg 1840. Opium war den Chinesen seit einigen Jahrhunderten bekannt, hauptsächlich als Medizin. Es wurde wenig vor dem 16. Jahrhundert angebaut, die hauptsächliche Quelle war Indien, von wo es von arabischen und indischen Kaufleuten importiert wurde. Nach 1523 waren die Chinesen gezwungen, Opium selbst zu produzieren wegen der Piraten an den Küsten. Die Portugiesen begannen um diese Zeit, Opium aus Indien nach Macao zu exportieren, und die Holländer, Engländer und Amerikaner (nach 1810) fanden, dass sie die profitabelste cash cargo war, z.T. kam sie aus Indien, zum Teil aus der Türkei. Gegen Ende des 17. Jahrhundrts begannen Leute Opium zu rauchen (Java 1689). Diese Sitte war so weit verbreitet, dass sie 1729 durch kaiserlichen Erlass verboten wurde. Als das nicht ausreichte, wurde die Einfuhr der Droge 1800 verboten. Trotz des Verbotes wurden 5000 Kästen pro Jahr um 1821 nach Canton importiert, die meisten auf britischen, doch einige auf amerikanischen und anderen Schiffen. Chinesische und ausländische Kaufleute wurden dadurch reich, und China verlor viel Silber. In den späten dreisiger Jahren wurden 30 000 Kästen pro Jahr importiert. Die Manchu-Regierung intervenierte und verbrannte ein riesige Menge. Dies führte zum Krieg, welchen Grossbritanien gewann. Opium wurde bis 1911 importiert, als es vom Parlament verboten wurde. Auch in China selbst wurden grosse Flächen, vor allem in entlegenen, ausserthalb der Regierungskontrolle gelegenen Gegenden, für Opiumanbau benutzt. Das Resultat war verheerend. Zum Beispiel, in der Provinz-Hauptstadt Yunnanfui sollen 90% der Männer und 60% der Frauen süchtig gewesen sein. —– (Die Nationalisten berichteten den Vereinten Nationen 1948, dass die Bemühungen, den Opiumanbau zu unterbinden, vorangetrieben würden.)—- All das führte zur Kolonisierung (Hongkong britisch usw.) und zur Taiping-Rebellion, mit Millionen Toten usw.Kurzgefasst: Bemühungen der chinesischen Regierung, die Opiumseuche zu unterbinden, wurden durch Intervention vor allem Englands unterbunden und führten zu Millionen Toten. Wie weit soll man gehen, um den Freihandel zu “schützen”?

    • Norbert Lennartz

      Weder die Prohibition der chinesischen Regierung gegen den Opium-Handel im eigenen Land noch die Kriege der Engländer haben was mit freiem Handel zu tun. Wo hat der freie Handel zu was geführt? Sie wollten doch Ricardo widerlegen. So wird ihnen das eh nicht gelingen.

    • Klaus Rohde

      Ich zitiere aus meinem Artikel:”In diesem Zusammenhang ist der Nachweis von Chang [8] wichtig, dass der freie Handel in der Geschichte von entwickelten Ländern immer dazu benutzt wurde, weniger entwickelte Länder “unten” zu halten und ihre Industrialisierung zu verhindern.”Ich schlage vor, einmal bei Chang nachzulesen. Der Opiumkrieg Grossbritanniens mit China (und später die gewaltsame Öffnung Japans durch die USA) waren eindeutig Versuche, den “freien Handel” (im Sinne der westlichen Mächte) zu “erzwingen”, und zwar zum Vorteil dieser westlichen Mächte. Heute sieht das so aus: man predigt den sogenannten unterentwickelten Ländern, dass der freie Handel das A und O einer gesunden Wirtschaftsentwicklung sei, und legt die “Regeln” dann aber zum eigenen Vorteil aus. In anderen Worten, die menschliche und politische Psychologie verhindert, dass sich ein “echter” freier Handel jemals entwickeln kann.

    • Norbert Lennartz

      Kriege für den freien Handel (=schon ein Widerspruch in sich) sind auch keine Widerlegung des komparativen Vorteils.Und Suranovics (2007) Bedingungen sind auch keine Widerlegung. Der komparative Vorteil gilt immer zwischen 2 Personen in einem Markt. Ob das 2 oder n*2 sind, spielt keine Rolle.

    • Klaus Rohde

      Mir scheint, dass all dies Sophismen sind. Einmal ganz von der Ökologie abgesehen, in der internationalen Wirtschaft sollte es wohl doch in erster Linie um das Wohl der Menschen in verschiedenen Ländern gehen und nicht darum, ob man irgendeinem Dogma huldigt. “Entwickelte” Länder bestehen oft auf sogenanntem freien Handel, haben aber vor allem ihren eigenen Vorteil im Sinn. Das Prinzip des vergleichsweisen Vorteils wird befolgt, solange es einem passt, und dann über Bord geworfen. Reicht der “freie” Handel nicht mehr, geht es in den Krieg.”Kriege für den freien Handel (=schon ein Widerspruch in sich)” … sicher, daher schrieb ich ja auch “freier Handel im Sinne der westlichen Mächte”.

    • Norbert Lennartz

      Es steht Ihnen ja frei, das “Dogma” des komparativen Vorteils mit wissenschaftlichen Mitteln aufzubrechen. Das haben Sie aber nicht getan. Stattdessen artet das hier in Glaubenssätzen einer kapitalismuskritischen Botschaft aus.

    • Klaus Rohde

      “Wissenschaftliche Mittel”: für eine ideale Welt mit Leuten, die alles wissen und keine psychologischen Defekte haben, kann man wahrscheinlich zeigen, dass eine dem Prinzip des komparativen Vorteils folgende Wirtschaft ideal ist. Aber leider ist dass nun mal nicht so, und mir scheint, dass die Empirie das eindeutig zeigt. – Vor einiger Zeit haben, zwei (glaube ich), Leute den Nobelpreis für Ökonomie für ein mathematisch überzeugendes System (an Einzelheiten kann ich mich im Augenblick nicht erinnern) bekommen, dass völlig unrealistisch ist und sich auf die wirkliche Welt nicht anwenden lässt. Nicht nur unrealistisch sondern gefährlich, weil es zu falschen Entwicklungen führte.Was ich hiermit sagen will ist, dass “wissenschaftlich” in diesem Zusammenhang nur “empirisch” heissen kann. Was die Ökologie angeht, auch hier sehen “Gleichgewichts”-Modelle überzeugend aus, wenn man allerdings sozusagen hinter die Kulissen guckt, stimmt das alles nicht.Was den Kapitalismus anbetrifft, die USA und Japan, usw., sind kapitalistische Länder, die sich nicht unbedingt auf den komparativen Vorteil verlassen.

    • Norbert Lennartz

      Menschen haben Defekte. Ja und? Der freie Markt stellt sich auch auf sowas ein. Wären Drogen erlaubt, gäbe es die in Bayer-Qualität, nur dass man die sicher nicht an der Schule kaufen kann. Wer soll denn entscheiden, wie es besser laufen soll? Der Kaiser von China in dem Fall? Wie wollen Sie denn beweisen, dass das funktioniert? Mit Empirie? Das setzte voraus, dass eine Versuchsumgebung da wäre in der man Testreihen verfolgen und vergleichen kann. Am besten noch mit den mathematischen Modellen zweier Nobelpreisträger verbunden, damit die Ergebnisse gut aussehen. Nur diese Testreihen gibt es in der realen Welt nicht. Da kann man heute das und morgen was anderes finden und nie wird man wissen, ob man Recht hat. In der realen Welt gibt es nur Regierungen, die sich für Götter halten und heute das und morgen was anderes für richtig halten. Deswegen auch das Theater um z.B. Mindestlöhne. Empirisch “festgestellt”, dass es richtig sein könnte, obwohl es bereits logisch unmöglich ist. Genauso ist das bei allen vermeintlich notwendigen Handelsbeschränkungen. Jeder Eingriff setzt Wissen über die tatsächlichen Verteilungsbedürfnisse voraus, die aber nur die Marktteilnehmer selbst entwickeln können. Dass dabei die Interventionisten gute Absichten haben (was eher selten der Fall ist), ist nicht einmal Bedingung dafür, dass da nur Verschlimmbesserungen dabei raus kommen können.

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”Der Kaiser von China in dem Fall? Wie wollen Sie denn beweisen, dass das funktioniert? Mit Empirie?” — Man kann ja immerhin die Zustände vor und die nach der britischen Intervention vergleichen. Aber in einem Punkt haben Sie Recht, Geschichtsfälle sind einmalig und Testserien lassen sich leider nicht vergleichen, daher kann der Vergleich der Zustände in China vor und nach der britischen Intervention nur eine ungefähre Vorstellung von einem möglichen anderen Ausgang der Geschichte geben. Allerdings, schlimmeres als das, was wirklich passierte, ist kaum möglich.Sie erwähnen Mindestlöhne. Ich halte das zwar für eine wahrscheinlich gute Idee, aber nur wahrscheinlich. Mehr generell bin ich durchaus nicht der Meinung, dass der Staat bei jedem Kritzkratz intervenieren soll. Übrigens: mein Hinweis auf die Empirie bezog sich vor allem auf die Beobachtung, dass Ricardos Prinzip kaum jemals ernst genommen wird, oder zumindest selten die realen Verhältnisse beschreibt (siehe Krugman).

    • Norbert Lennartz

      “Man kann ja immerhin die Zustände vor und die nach der britischen Intervention vergleichen.”Nö. Dann würde man die chinesischen Eingriffe mit und ohne “Briten” vergleichen aber nicht den Freihandel mit den Eingriffen. Und die Eingriffe stammen erst mal vom Kaiser von China.Wenn Sie auch an Mindestlöhne glauben, dann lassen Sie sich eben den selben Bären aufbinden.Sie wollten doch Ricardos Prinzip widerlegen. Geht’s auch ohne Bär?

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben: “Und Suranovics (2007) Bedingungen sind auch keine Widerlegung. Der komparative Vorteil gilt immer zwischen 2 Personen in einem Markt. Ob das 2 oder n*2 sind, spielt keine Rolle.”Die Beweise für diese Behauptung bleiben Sie schuldig. Man wendet, soweit mir bekannt, das Prinzip des komparativen Vorteils vor allem auf Länder an, zumindest wenn man an internationalem Handel interessiert ist. Ferner, es besteht überhaupt kein Zweifel, dass die Art der Wechselwirkungen in ökologischen Systemen entscheidend von der Komplexität (d.h. der Zahl der Komponenten eines Ökosystems) abhängt. Es würde mich sehr überraschen, wenn das nicht auch so in der internationalen Wirtschaft wäre. Oder besitzen Sie gegensätzliche Informationen?

    • Norbert Lennartz

      Was soll ich beweisen? Der komparative Vorteil, auch Ricardian law of association, ist eine denknotwenige Richtigkeit, die nirgendwo ernsthaft bestritten wird, deshalb ein “law” oder “Prinzip”. Of two producers, if A is more productive in the production of two types of goods than is B, they can still engage in a mutually beneficial division of labor. This is because overall physical productivity is higher if A specializes in producing one good which he can produce most efficiently rather than both Aand B producing both goods separately and autonomously.Das ist so allgemein. das es sogar im Kommunismus gelten müsste, wenn sich alle Faktoren auf die Preise auswirken würden. Nur wenn man durch zentralistische Wirtschaftsplanung die Möglichkeiten der Kostenrechnung ausgeschaltet hat, dann kommt man natürlich ins Straucheln.Aber was haben Suranovics Bedingungen damit zu tun? Schlagen sich die Transportkosten etwa nicht in den Preisen wieder? Suranovic hält Arbeitslosikeit für ein Argument. Aber kann man die Güter nach Abschottung ohne Arbeit günstiger produzieren? Das ist alles so absurd und dümmlich, dass es keines weiteren Kommentars bedarf.

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”Der komparative Vorteil, auch Ricardian law of association, ist eine denknotwenige Richtigkeit, die nirgendwo ernsthaft bestritten wird, deshalb ein “law” oder “Prinzip”.” — Ich bezweifle dies nicht, was allerdings nicht heisst, dass das Prinzip in der realen Welt immmer (ich wiederhole immer) anwendbar ist oder besser angewandt wird.Sie schreiben:”Das ist alles so absurd und dümmlich, dass es keines weiteren Kommentars bedarf.” — Ich lege jedem Leser nahe, an meine englischen Version zu gehen und dort bei Suranovic nachzulesen und über Dümmlichkeit oder nicht zu entscheiden. Immerhin schreibe ich ja: “Komplexere Modelle, die entwickelt wurden, um das Prinzip zu “retten”, berücksichtigen dies jedoch.”(d.h. seine Einwände).Sie schrieben:”Und die Eingriffe stammen erst mal vom Kaiser von China.” — ist dies zumindest nicht fragwürdig? Die chinesische Regierung hatte Gesetze eingeführt, die die Einfuhr von Opium verboten. England hielt sich nicht daran und reagierte mit Krieg, als die chinesische Regierung ihr Gesetz durchsetzen wollte. Wer also war der Agressor?Also, insgesamt (und es scheint ich habe genügend Zeit an diese Diskussion verwendet) meine ich, dass man aus “Prinzipien”, selbst wenn sie denknotwendig sind, keine Wirtschaftspolitik ableiten soll, wenn diese Prinzipien nicht empirisch gestützt sind. – Ganz ähnlich liegt die Sache in der Ökologie: die Unsitte, aus sozusagen a priori abgeleiteten Prinzipien die Welt erklären zu wollen, ist weit verbreitet und hat zu vielen Fehl-Interpretationen geführt. – Was übrigens nicht heissen soll, dass ich “nur” an Empirie glaube. Siehe hier: http://knol.google.com/k/klaus-rohde/eine-grenze-der-globalisierung-fuzzy/xk923bc3gp4/35

    • Norbert Lennartz

      Was soll das heißen, ob “das Prinzip in der realen Welt immer anwendbar ist”. Ich sehe hier nur Ihren Nihilismus und Suranovic ist für mich schon auf den ersten Blick ein Nihilist. (z.B. Produktion ohne Arbeit?)Was Sie mit der folgenden Passage (“Die meisten dieser Bedingungen sind unrealistisch in der modernen Welt (und sie waren wahrscheinlich immer unrealistisch). Komplexere Modelle, die entwickelt wurden, um das Prinzip zu “retten”, berücksichtigen dies jedoch.”)gemeint haben, erschließt sich mir nicht, weil ich nicht sehe, was da gerettet werden muss.Erstaunt bin ich über die Art wie Sie den Kaiser von China als den Friedensstifter glorifizieren und die Engländer als böse Buben. Klar, ohne dem fällt Ihre Argumentation zusammen wie ein Kartenhaus.Aber ist es wirklich so schwer zu begreifen, dass Prohibition bereits ein schwerwiegender Eingriff in den Freihandel ist?> “Also, insgesamt … meine ich, dass man aus “Prinzipien”… keine Wirtschaftspolitik ableiten soll, wenn diese Prinzipien nicht empirisch gestützt sind.”Die chinesische Wirtschaftspolitik war also auf empirische Prinzipien gestützt?!> “die Unsitte, aus sozusagen a priori abgeleiteten Prinzipien die Welt erklären zu wollen, ist weit verbreitet und hat zu vielen Fehl-Interpretationen geführt.”Ach, welche denn, etwa das Festhalten am Geldsystem? (“Gleichgewicht in der Ökonomie scheint ein ziemlich vorrübergehender Zustand zu sein, wie die gegenwärtige finanzielle Krise zeigt.”) Die Finanzkrise ist anhand von a priori abgeleiteten Prinzipien wunderbar erklärbar. Das scheinen Sie überhaupt nicht verstanden zu haben.

    • Klaus Rohde

      Sie schreiben:”Erstaunt bin ich über die Art wie Sie den Kaiser von China als den Friedensstifter glorifizieren und die Engländer als böse Buben. Klar, ohne dem fällt Ihre Argumentation zusammen wie ein Kartenhaus. Aber ist es wirklich so schwer zu begreifen, dass Prohibition bereits ein schwerwiegender Eingriff in den Freihandel ist?” — Ich bin nicht für Prohibition oder Kriminalisierung zum Beispiel der Rauschgiftbenutzung. Agression eines Landes, um Prohibition in einem anderen Land zu unterbinden, ist aber etwas völlig anderes, zumal die Auswirkungen des Rauschgiftes in China zu jener Zeit katastrophal waren. Ich empfehle Ihnen, sich einmal eingehender mit chinesischen Geschichte zu befassen.Auf den Rest will ich mich nicht weiter einlassen, da es sich mehr oder weniger um ein Wiederkäuen bereits gemachter Feststellungen handelt.

    • Norbert Lennartz

      Langsam zweifele ich an Ihrer Aufrichtigkeit. Würden Sie bitte damit aufhören, ständig den Opium-Krieg als Schein-Argument gegen den Freihandel zu missbrauchen?Zur chinesischen Geschichte gehört vor allem, dass China selbst in rauhen Mengen Opium angebaut hat, womit ich denn auch beim Wiederkäuen wäre und dass die Auswirkungen immer von den Folgen der Prohibition ausgehen.Von einem Wissenschaftler sollte man eigentlich mehr erwarten dürfen. Wenn Ihre Arbeitsqualität in der Biologie mit der in der Ökonomie vergleichbar ist, dann Gute Nacht.

  5. Lena Waider

    Drei Anmerkungen — Hallo Herr Rohde, zu Ihrem Artikel habe ich noch 3 Anmerkungen, wobei die erste eine Frage ist:1. Wo kann ich eine präzise Darstellung finden, was man unter Gleichgewicht und Ungleichgewicht versteht? Ich vermute, Sie verstehen unter Gleichgewicht z. B. das gegenseitige Aufrüsten von Löwen und Antilopen, wobei keine Seite restlos gewinnt, sondern sich gewissermaßen ein Gleichgewicht der Kräfte einstellt, sodass die beiderseitigen Populationszahlen relativ konstant bleiben. Oder?2. Bei der 2. Anmerkung geht es um den Begriff der Ressourcen. Ich hatte ein wenig den Eindruck, als wäre Ihre Auffassung, in der freien Marktwirtschaft konkurrierten die Marktteilnehmer um Ressourcen, und dabei handelte es sich z. B. um Energie, Rohstoffe etc.Das glaube ich weniger. Unternehmen konkurrieren primär um die Ressource Geld. Das ist deren Energie, die sie fortwährend benötigen. Sie stehen also im Wettbewerb um das Geld der Kunden. Daneben benötigen sie natürlich auch noch andere Ressourcen, um z. B. ihre Produkte herstellen zu können, aber dafür sind meist wieder andere Unternehmen (und manchmal auch Staaten) auf anderen Märkten tätig, die diese Aufgaben übernehmen.Möglicherweise wäre es auch von Vorteil, den Populationsgedanken Darwins ein wenig stärker in die Ökonomie zu transferieren. Marktwirtschaften bestehen aus Märkten, und natürlich könnte man die Anbieter auf den Märkten auch als Populationen auffassen, die ähnliche Merkmale (“Marktkompetenzen”) aufweisen (ihre Produkte, die sie anbieten), und die damit um das Geld der Kunden (die Ressourcen, die sie erlangen möchten) konkurrieren. Damit sie von den Kunden angemessen erhört werden, stoßen sie häufig Brunftschreie aus, z. B. via Werbung im Fernsehen. Die Marktanbieter auf einem Markt könnte man also – grob gesagt – der gleichen “Art” (Spezies) zurechnen.Damit könnte man sicherlich – grob vereinfachend – sehr viel Parallelität zwischen Ökonomie und Ökologie herstellen.3. Ein Problem sehe ich in den unterschiedlichen Wettbewerbskommunikationen auf Märkten und in der wilden Natur. Auf Märkten funktioniert (fast) alles gemäß dem Recht des Besitzenden (Gefallen-wollen-Kommunikation), in der Natur gemäß dem Recht des Stärkeren (Dominanz). Man kennt deshalb in der Natur auch keinen Handel (außer vielleicht bei der sexuellen Selektion, die das älteste Gewerbe der Welt hervorgebracht hat: Du baust mir ein tolles Nest, und ich lege dir ein paar Eier). Ich wüsste deshalb auch nicht, wo man in der Natur Parallelen für Ricardos Theorem finden sollte, denn darin geht es um den Handel zwischen ganzen Marktwirtschaften. Möglicherweise entsteht also durch das Recht des Besitzenden, welches die Grundlage des Handels ist, eine etwas andere Situation, als sie in der Natur vorzufinden ist.

    • Klaus Rohde

      1) “Wo kann ich eine präzise Darstellung finden, was man unter Gleichgewicht und Ungleichgewicht versteht?”—Diese Frage habe ich in einem anderen Knol (ich habe vergessen, welchem) schon einmal versucht zu beantworten. Leider gibt es keine einfache Antwort. In meinem Buch Nonequilibrium Ecology habe ich auch die Geschichte der Begriffe Equilibrium und Nonequlilibrium diskutiert. Diese Diskussion zeigt, dass es keine Übereinstimmung gibt. Im allgemeinen kann man aber sagen, dass die meisten Autoren der Meinung sind, dass ökologisches Gleichgewicht angeblich als Folge von “self-correcting mechanisms” ökologischer Systeme auftritt, die sich als Wettbewerb zwischen Arten und innerhalb von Arten ausdrücken. Konsequenzen solcher Mechanismen sollen u.a. sein, dass eine grössere Diversität Hand in Hand geht mit einer Schrumpfung von Nischen (je mehr Arten, desto kleiner die Nischen). Leider stimmt die Geschichte nicht (siehe meine Knols über Wettbewerb, Nischen usw. hier:http://knol.google.com/k/klaus-rohde/%C3%B6kologie/xk923bc3gp4/105#viewEs ist mehr und mehr klar geworden, dass interspezifischer Wettbewerb nicht die Rolle spielt, die man oft annimmt.Man kann sich einer Definition des Begriffes des Gleichgewichtes auch anders nähern: Gleichgewicht ist die sich wiederholende Schwankung der Populationsdichte um einen Mittelwert, dem sie sich immer wieder nähert. Die Frage stellt sich dann aber, wie gross darf die Schwankung sein? Zum Beispiel, Populationsdichten der Soay Schafe auf Hirta in der St. Kilda – Inselgruppe wurden über Jahrzehnte genau bestimmt, Alle paar Jahre wurde ein Mittelwert erreicht, auf dem Wege von fast totalem Populationskollaps zu eindeutiger Überbevölkerung und umgekehrt. Kann man hier von Gleichgewicht sprechen?2) “Das glaube ich weniger. Unternehmen konkurrieren primär um die Ressource Geld”—— Aber hiermit stimmen Sie ja der Auffassung bei, dass Geld eine Ressource ist.3) “Ein Problem sehe ich in den unterschiedlichen Wettbewerbskommunikationen auf Märkten und in der wilden Natur.”—–Ich weiss nicht, ob man das als “Problem” ansehen soll. Es scheint mir zu zeigen, dass Menschen in dieser Hinsicht etwas (ich wiederhole etwas) anders als Tiere sind. Aber: die Tatsache, dass sexuelle Auswahl so wichtig ist und dass viele Tierarten (Vögel, Säuger,u.a.) deshalb Merkmale besitzen, die ihren Interessen im Wettbewerb um Ressourcen entgegenarbeiten, scheint mir zu zeigen, dass Ressourcen oft nicht begrenzende Faktoren sind, d.h. dass Wettbewerb um begrenzte Ressourcen nicht so wichtig ist wie oft behauptet. In anderen Worten, auch bei Tieren ist die Gefallenwollen-Kommunikation sehr wichtig.

  6. Peter Mersch

    Ökologie und Ökonomie — Ich habe mir den Artikel noch einmal in Ruhe durchgelesen. Ich frage mich, ob die Biologen und Ökonomen nicht ohnehin stärker zusammenarbeiten sollten, denn offenkundig haben wir es doch mit recht ähnlichen Problemstellungen zu tun.Leider meiden seit der Sozialdarwinismusdebatte viele Gesellschaftswissenschaften, zu denen ich jetzt auch einmal die Ökonomie zählen möchte, die Anwendung biologischer Gedankengänge. Es käme dann sowieso recht bald der Biologismusvorwurf. Aber auch umgekehrt ist die Abgrenzung sehr scharf. Beispielsweise argumentiert die Hamilton-Regel zur Verwandtenselektion ausgesprochen ökonomisch (wann es aus Gen-Sicht wirtschaftlicher ist, eigene Nachkommen zu haben und wann nicht), die gesamte Opportunitätskostenbetrachtung der heutigen Ökonomie hat aber bei ihnen keinen Eingang gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man damit viele Phänomene in der Natur viel zwangsloser erklären könnte.Erstaunlich ist darüberhinaus, dass seit Gary S. Becker in der Ökonomie auch der Begriff des Humankapitals existiert. Damit entsteht aber eine direkte Connection zu Darwin. Wer über Humankapital und Humanvermögen redet, muss auch sehr bald über Fortpflanzung etc. nachdenken (was Gary S. Becker getan hat, denn von ihm stammt die m. E. leistungsfähigste Fertilitätstheorie, die wir haben).Ich frage mich, ob es wirklich möglich ist, über Ökonomie ganz unabhängig von den Menschen nachzudenken. Ist nicht das bereits ein Riesenunterschied zur Ökologie? Auch dort könnte man sich doch rein auf die wirtschaftliche Leistung der Arten und Individuen beschränken: Wieviele Fische die Haie am Tag gefressen haben etc. Wirklich interessant wird es aber eigentlich erst (gemäß Darwin), wenn man auch die Effekte der Reproduktion mit einschließt. Ich kann das bei den Ökonomen nicht wirklich erkennen. Deshalb auch meine Diskussion mit Herrn Zeitler. Ich habe den Eindruck, die betrachten die Welt rein aus dem Wirtschaftsgeschehen selbst heraus, also gäbe es keine anderen Einflussfaktoren. Man produziert ein bisschen hier, handelt es wenig dort, und das ist es dann. Und wenn dann die Menschen bei uns arbeitslos werden, dann lag das z. B. an der Globalisierung, an der Verlagerung von Arbeitsplätzen im Rahmen einer neoliberalen Doktrin. Das mag alles zum Teil richtig sein. Ich glaube aber nicht, dass man damit bereits ein ausreichend vollständiges Bild hat. Dies zeigt sich für mich bereits am Problem des demografischen Wandels. Der wird von den Ökonomen eigentlich weitestgehend ausgeblendet. Ich habe nicht den Eindruck, dass die überhaupt wissen, was da heranrollt. Ich glaube, die ordnen den hauptsächlich unter Frauen und Gedöns ein.Was meinst du?

    • Klaus Rohde

      “Ich frage mich, ob die Biologen und Ökonomen nicht ohnehin stärker zusammenarbeiten sollten, denn offenkundig haben wir es doch mit recht ähnlichen Problemstellungen zu tun.”—Genau, man wird nicht immer Übereinstimmung erzielen können, kann sich aber manchmal wahrscheinlich gegenseitig befruchten.”Biologismusvorwurf”—-Generalisiert sicherlich Unsinn (siehe z.B. die idiotische Reaktion gewisser Soziologen auf die Feststellung, Intelligenz könnte ja weitgehend genetisch bedingt sein), obwohl man vorsichtig sein sollte, Vorstellungen aus einer Disziplin kritiklos in eine andere zu übertragen. Aber immerhin ist ja Darwin von Ökonomen (und anderen) beeinflusst worden, und nicht umgekehrt.”Ich habe den Eindruck, die betrachten die Welt rein aus dem Wirtschaftsgeschehen selbst heraus, also gäbe es keine anderen Einflussfaktoren.”—Mir scheint es nicht nur um andere Einflussfaktoren zu gehen, obwohl viele wie Sicherung der Fortpflanzung natürlich sehr wichtig sind, sondern vor allem auch um die Frage, wozu eine Wirtschaft denn dienen soll. Braucht der Mensch eine Ethik, die über die Wirtschaft hinausgeht? Mir zum Beispiel scheint die Garantie einer fruchtbaren Weiterentwicklung einer Kultur entscheidend zu sein. Das erreicht man nicht alleine (und nicht einmal in erster Linie) durch gewisse wirtschaftliche Praktiken, über die es oft nicht einmal Übereinstimmung gibt.

    • Peter Mersch

      “siehe z.B. die idiotische Reaktion gewisser Soziologen auf die Feststellung, Intelligenz könnte ja weitgehend genetisch bedingt sein”Und das ist eine gefährliche Reaktion, weil sie einerseits echte Individualität verleugnet und andererseits zu fatalen Folgeempfehlungen führen kann.Den starken genetischen Einfluss auf die Intelligenz konnte ich selbst bei mir recht gut nachvollziehen. Ich war in den ersten drei Jahren der Volksschule ein totaler Überflieger und auch körperlich sehr robust und kräftig. Dann erkankte ich an Masern, kratzte aber am Ausschlag an den Lippen herum. Ich zog mir eine schwere Blutvergiftung zu. Wochenlang schwankte ich zwischen Leben und Tod. Das Fieber ging immer wieder auf Werte über 41 Grad. Erst gegen Ende des 4. Schuljahres konnte ich wieder in die Schule zurückkehren, nun – für den Rest meines Lebens – ziemlich dünn und schwächlich. Der Lehrer meinte, er könne überhaupt keine Schulempfehlung geben. Also entschieden sich meine Eltern für die Realschule, um mich nicht zu überfordern (was ungewöhnlich war, da mein Vater einen Dr. in Chemie hatte). Dort schlief ich regelrecht ein. Mit der Ausnahme einiger Fächer, bei der eine Begabung nicht zu übersehen war, war ich ein mittelmäßiger Schüler. Mit 14 kramte ich im Geheimschrank meines Vaters herum und fand neben Lolita – was mich damals nicht weiter interessierte – ein Uni-Buch mit dem Titel “Infinitesimalrechnung”. Für mich begann von einem Tag auf den anderen ein neues Leben. Den Dipl. bestand ich dann später trotz chronischer Migräne mit Auszeichnung.Will sagen: Offenbar ist Intelligenz beinahe unkaputtbar. Die Vorstellung, man müsste die Menschen in staatlichen Einrichtungen nur entsprechend bilden, dann könnten die alle das Gleiche, ist eine absurde. Wie wollte man denn dann Phänomene wie die eines Ramanujan (http://de.wikipedia.org/wiki/S._Ramanujan) erklären? Scheinbar suchen sich intelligente Menschen sogar häufig ihr Umfeld selbst, in welchem sie ihre Intelligenz entfalten können. Eine von außen an sie herangetragene Ausbildung ist für sie vielfach nicht einmal zwingend erforderlich. Die bilden sich im Wesentlichen selbst.”Mir zum Beispiel scheint die Garantie einer fruchtbaren Weiterentwicklung einer Kultur entscheidend zu sein. Das erreicht man nicht alleine (und nicht einmal in erster Linie) durch gewisse wirtschaftliche Praktiken, über die es oft nicht einmal Übereinstimmung gibt.”Das sehe ich genauso. Das Verschwinden vieler Kulturen oder kultureller Facetten empfinde ich als in höchstem Maße bedauerlich.In der Vorstellung der Systemischen Evolutionstheorie sind Unternehmen Evolutionsakteure, d.h. quasi eine neue Lebensform. Den Unterschied Mensch/Unternehmen könnte man mit dem Unterschied Zelle/Vielzeller vergleichen. Für mich stellt sich die Frage, ob diese viel ressourcenstärkeren Superorganismen auf Dauer überhaupt noch so etwas wie menschliche Kultur zulassen werden, oder ob wir alle zu funktionierenden und ggf. konsumierenden Einheiten degradiert werden.

    • Klaus Rohde

      “Für mich stellt sich die Frage, ob diese viel ressourcenstärkeren Superorganismen auf Dauer überhaupt noch so etwas wie menschliche Kultur zulassen werden, oder ob wir alle zu funktionierenden und ggf. konsumierenden Einheiten degradiert werden.”—Das wäre das Ende. Doch bin ich (vielleicht) etwas optimistischer: der Mensch ist ein ethisches Wesen (zumindest dazu befähigt) und man kann nur hoffen, dass die Einsicht kommt, bevor es zu spät ist. Die Frage stellt sich dann natürlich, wie sich diese Einsicht äussern soll.

  7. Gerd Zeitler

    Danke für den Hinweis auf Ihre Ausführungen. Übrigens habe ich Ricardos Theorem des komparativen Vorteils an die heutigen Bedingungen des internationalen Handels angepasst, um es auch im multi-bilateralen Handel problemlos anwenden und Handelsgewinne optimieren zu können sowie im Sinne des Erhalts der weltweiten Vielfalt vollständige Spezialisierungen zu vermeiden. Nachzulesen in meinem Knol “Workshop Zukunftsfähiger Außenhandel”:http://knol.google.com/k/gerd-zeitler/workshop-zukunftsfhiger-auenhandel/2otpq9c0cx6bo/21#Es freut mich, dass Sie von Australien aus deutsch- und englischsprachige Knols veröffentlichen. Ich selbst habe in den 60er Jahren fünf Jahre lang in Brisbane und Sydney gelebt.Mit den besten GrüßenGerd Zeitler

    • Klaus Rohde

      Herr Zeitler, was halten Sie denn von den Kommentaren des “Reserved” unter “Malthus”, “Dogma” und vor allem “Krugman”?

    • Gerd Zeitler

      Statt auf einzelne Kommentare einzugehen, greife ich drei Themen heraus, die mir wichtig erscheinen:Da sich die Debatte in den Kommentaren auch um Analogien zwischen biologischen/ökologischen und ökonomischen Prozessen dreht, muss ich sagen, dass ich das mit großem Vorbehalt sehe. Immerhin sind Biologie und Ökologie Naturwissenschaften, während die Ökonomie Teil des menschlichen Soziallebens ist, so wie die Ökonomik eine Sozialwissenschaft ist – was oft vergessen wird. Sozialleben und Ökonomie funktionieren umso besser, je höher entwickelt die Regeln sind, denen sie unterliegen. Das unterscheidet uns fundamental von der Tierwelt, dass wir unser Leben regeln können und müssen. »Man is a rulemaker« sagen die Soziologen nicht zu Unrecht.Bei der Regelung der Ökonomie müssen wir allerdings akzeptieren, dass die ökonomische Sphäre materiell und energetisch ein Subsystem vor allem der Bio- und Ökosphäre ist. Das heißt, wir müssen uns in die Kreisläufe der natürlichen Sphäre einordnen und dürfen nicht zerstörerisch in sie hineinwachsen, um ihre Funktionsfähigkeit dauerhaft zu erhalten. Wie wir wissen, verstoßen wir gegen diesen Grundsatz seit Beginn der Industrialisierung ganz massiv.Und weil die Ökonomie Teil des Soziallebens ist, besteht ihre Aufgabe einfach darin, für ein besseres Leben zu sorgen. Sobald sie »darwinistische« Züge annimmt, ist das immer ein Hinweis auf fehlerhafte Steuerung und Regelung. Aufgabe der Ökonomik ist es, zur Weiterentwicklung der Regeln beizutragen, Aufgabe der Politik ist es, die Regeln im Hinblick auf ein optimales Gemeinwohl zu bestimmen und durchzusetzen. Gegenwärtig sorgt ein Filz aus Ökonomik, Politik und Industrie dafür, dass bewährte Regeln im Namen einer falsch verstandenen Liberalisierung – und zum fragwürdigen Vorteil einer Minderheit – über Bord geworfen werden.Zudem fällt mir in den obigen Kommentaren auf, dass zwei ökonomische Begriffe ungenau verwendet werden: »freie Marktwirtschaft« und »komparativer Vorteil«.Das Adjektiv »frei« der Marktwirtschaft bezieht sich ausschließlich auf die freie Allokation der Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital) im Rahmen einer auf das Gemeinwohl gerichteten Wirtschaftsordnung. Die Durchsetzung einer Wirtschaftsordnung setzt nationale oder supranationale Autonomie voraus. Deshalb darf die freie Allokation der Produktionsfaktoren nicht grenzüberschreitend gewährt werden, weil die Wirtschaftspolitik sich sonst selbst aufgibt und die wirtschaftlichen Prozesse in Anarchie münden. Daraus folgt, dass der Außenhandel nicht frei im obigen Sinne sein darf – wie er es unter der gegenwärtigen neoliberalen Doktrin zunehmend ist –, sondern durch Handelsvereinbarungen zwischen autonomen Wirtschaftsräumen geregelt sein muss.Der komparative Vorteil ist immer noch eine der genialsten Entdeckungen der Ökonomik. Er muss nur in die heutigen Erfordernisse des Außenhandels eingebettet werden. Das heißt: (1) Auf die von Ricardo geschlussfolgerte vollkommene territoriale Spezialisierung muss wegen des wünschenswerten Erhalts der Vielfalt in der Welt verzichtet werden. (2) Um komparative Vorteile im komplexen multi-bilateralen Umfeld identifizieren und nutzen zu können, müssen die Wechselkurse so kalkuliert werden, dass sie jeweils die durchschnittlichen Preis- bzw. Produktivitätsunterschiede zwischen Handelspartnern neutralisieren. Dadurch wird ein Produkt, dessen Preis bei Anwendung des Wechselkurses niedriger ist als der Preis desselben Produktes bei einem Handelspartner, automatisch als Exportkandidat bzw. umgekehrt vom Handelspartner als Importkandidat identifiziert. Im multi-bilateralen Umfeld können die Handelsgewinne durch komparative Vorteile maximiert werden, indem die Handelswege für jedes Produkt nach größter Preisdifferenz ausgewählt und vereinbart werden.Ein Skandal ist, dass die Welthandelsorganisation (WTO) ihre neoliberale Doktrin mit komparativen Vorteilen und daraus zu erzielenden Handels- und Wohlstandsgewinnen rechtfertigt. Das ist eine glatte Lüge, weil der Wettbewerb im neoliberalen Freihandel über absolute Vorteile entschieden wird, und die können am bequemsten durch Sozial-, Öko- und Valuta-Dumping erzielt werden. Das ist der Grund für all die Verheerungen, die der neoliberale Freihandel anrichtet.Ich möchte ergänzend noch auf die “Lebenslüge” der WTO hinweisen, die einer Rede von Pascal Lamy beispielhaft zu entnehmen ist. Er beansprucht Ricardos Theorem des komparativen Vorteils für den neoliberalen Freihandel, den seine Organisation steuert. Mit dieser Verdrehung der Tatsachen und diesem Liebesdienst an den transnationalen Profiteuren lädt er Schuld auf sich, auf die WTO und auf alle Vertreter ihrer Mitgliedsländer. Nachzulesen in deutsch oder englisch in folgenden Knols:http://knol.google.com/k/gerd-zeitler/welthandelsorganisation-wto/2otpq9c0cx6bo/53#http://knol.google.com/k/gerd-zeitler/world-trade-organisation-wto/2otpq9c0cx6bo/77#

    • Klaus Rohde

      “Sozialleben und Ökonomie funktionieren umso besser, je höher entwickelt die Regeln sind, denen sie unterliegen. Das unterscheidet uns fundamental von der Tierwelt, dass wir unser Leben regeln können und müssen. »Man is a rulemaker« sagen die Soziologen nicht zu Unrecht.”Schön und gut, aber leider ist es nicht so einfach, sinnvolle Regeln auch durchzusetzen. Der komparative Vorteil (wie auch der Marxismus) funktionieren zwar auf dem Papier, aber die Menschen sind nun mal nicht so. Die politische Debatte in Australien um den Klimaschutz zum Beispiel ist schlichthin zum Kotzen. Man schein in einem präfastischem Staat zu leben, die Presse kontrolliert von einer Handvoll Milliardären, die ihre Milliarden durch Abbau vor allem von Kohle, Uran und anderen Mineralien gemacht haben, und die Politik von einem “latter-day” Goebbels. In diesem Zusammenhang: Frohe Ostern!: http://knol.google.com/k/klaus-rohde/frohe-ostern-wieder-zeit-zum/xk923bc3gp4/137#

    • Gerd Zeitler

      Ihre Zeichnungen spiegeln die Wirklichkeit gekonnt wider. Man braucht viel Durchhaltevermögen, um nicht zu verzweifeln. Genau genommen, scheitern wir schon bei der Entwicklung von und der Einigung auf nachhaltige Regeln. Ist die Vernunft bei der bisherigen Evolution kein Selektionskriterium gewesen? Mir scheint es so. Trotzdem dürfen wir wohl die Hoffnung nicht aufgeben und müssen weiterkämpfen.

    • Klaus Rohde

      “Ist die Vernunft bei der bisherigen Evolution kein Selektionskriterium gewesen?””Vernunft” wohl kaum, und die Intelligenz nur in dem Masse, wie sie das Ueberleben unter den gegebenen Bedingungen fördert, sprich gegebenen. Heute steht man ja vor Herausforderungen, die weit in die Zukunft reichen, und dafür scheint der Mensch nicht programmiert zu sein.

  8. Gerd Zeitler

    Herr Rohde,
    gerade sehe ich, dass Sie Ihre Artikel erfolgreich zu WordPress übertragen haben, sogar einschließlich der Kommentare. Es freut mich, dass es nach den für uns alle schwierigen Hürden noch geklappt hat.
    Beste Grüße
    Gerd Zeitler

    • Klaus Rohde

      Ja, einige ganz gut, andere ohne Abbildungen, mit Referenzen die geordnet werden müssen, usw.
      Allerdings hatte ich sehr wenig Zeit, mich den Knols zu widmen (Buch und wissenschaftliche Arbeit). Ich hoffe sehr, dass wir in Kontakt bleiben.

      • Gerd Zeitler

        Ja, gerne, ich werde ab und an sozusagen bei Ihnen vorbeischauen. Habe das gerade getan und stelle fest, dass Ihre obige Antwort bei mir nicht per E-Mail angezeigt wurde. Das ist sicher ein Nachteil gegenüber Knol. Aber ansonsten scheint mir WordPress ein sehr guter “Ersatz” für Knol zu sein. Die Zugriffe erreichen bei mir schon fast wieder das alte Niveau.

  9. Klaus Rohde

    Siehe unten: “Notify me of follow-up comments via email”

    Das lässt sich also machen.

  10. Klaus Rohde

    Gerd

    Ich bin gerade dabei zu lernen wie man Abbildungen in Artikel überstellt. Kein Problem mit dem Downloaden, aber ich kann falsche Abbildungen nicht entfernen und durch neue ersetzen. Wie macht man das?

  11. Klaus Rohde

    Aha! Oeffne autosave und frühere Version.

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