Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft. 2008.

· Ökologie und Evolution
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Abriss

Josef Reichholf gibt eine anregend geschriebene Übersicht über die Entwicklung der Ökologie vom Zeitpunkt ihrer Begründung vor 150 Jahren durch Haeckel bis heute [1]. Sein Ziel ist, geeignete Massnahmen zur Abwehr eines drohenden Zusammenbruches zu begründen, den viele im Kommen sehen (es ist nicht ganz klar, ob er zu diesen vielen gehört). Die letzten Sätze des Vorwortes, in dem die weit verbreitete Meinung diskutiert wird: “Damals, in früheren Zeiten, starben ja auch ganze Kulturen aus, weil sie der Natur zuviel zugemutet hatten. Das rächte sich mit “Kollaps”. Doch die früheren Zusammenbrüche blieben lokal; der uns allen drohende Zusammenbruch wird global sein. Unwiderruflich. Weil wir nicht nur

eineWelt haben, sonderneineMenschheit sind”. Doch unmittelbar darauf (Seite 12): “Genug solcher Vergleiche! Sie hinken wie die allermeisten Vergleiche.” Reichholf weisst darauf hin, dass viele die Lösung darin sehen, durch den Menschen verursachte “Störungen” auszugleichen, damit alles beim alten bleibt, d.h. man will ein gestörtes System wieder ins Gleichgewicht bringen. Eine derartige “statische” Sicht der Natur ist jedoch nach Reichholf falsch, da natürliche Systeme im allgemeinen selbst vor der Störung durch den Menschen nicht im Gleichgewicht waren. Er weisst auf Ilya Prigogine hin, der Organismen als dissipative Strukturen bezeichnete, weil sie schneller als auf Zufallsbasis Energie in Entropie umwandeln und davon leben, und nur solange leben, wie sie sich fern vom Gleichgewicht halten. Wenn aber selbst Organismen fern vom Gleichgewicht stehen, ist dies auch für Gemeinschaften von Lebewesen zu erwarten. Die alte Ansicht, nach welcher der “Haushalt der Natur” Arten braucht, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen, die auch dem Naturschutz und seiner Absicht Arten zu schützen, zugrundeliegt, ist falsch.

Reichholf geht dann auf das Liebigsche Minimalsgesetz ein (die pflanzliche Produktion ist durch den im Verhältnis zu anderen im Minimum vorhandenen Faktor begrenzt) und die moderne Ökosystemforschung. Ökosysteme können viele ‘Ist-Zustände’ einnehmen, d.h. sie sind keine Superorganismen, da Organismen bestimmte ‘Soll-Werte’ bevorzugen. Sie sind offene Systeme. Es ist also falsch zu fordern, den Menschen von gewissen Ökosystemen fernzuhalten, um sie zu retten. Das ist nicht realistisch und erfolglos. Damit hängt ein weiteres Missverständnis zusammen, nämlich die Vorstellung von “Gleichgewicht und Selbstregulierung”: lasst die Natur machen was sie will, es wird sich schon einspielen.

Reichholf beschreibt tropische Regenwälder und weisst auf die enorme Artenvielfalt dort hin. Tropenböden sind im allgemeinen karg, weil die Biomasse zumeist in den Pflanzen (als totes Holz) steckt. Auch ist der amazonische Regenwald ein weitgehend geschlossenes System, das keine Überschüsse produziert, und in dem die Nährstoffe fast perfekt “recycled” werden. Die Seltenheit fast aller Tierarten darin erklärt sich dadurch, dass wenig für sie “zu holen ist”. Nur die als Zersetzer und nicht als im üblichen Sinne Nützer agierenden Anmeisen und Termiten sind häufig; sie stellen insgesamt mehr als die Hälfte der tierischen Biomasse dar. Für den Menschen bedeutet dies, das sich tropische Regenwälder nicht für die Nutzung durch ihn eignen. Reichholf schreibt “

Der Mangel erklärt nun auch die immense Artenvielfalt. Sie ist mit Seltenheit verbunden. Die meisten Arten sind so selten, dass es zu keinem Übergewicht einzelner kommt……Mangel ist überall auf der Erde mit Artenvielfalt verbunden. Überfluss mindert die Vielfalt drastisch, weil er einige Arten begünstigt.” – Was die globale Nutzung der Landschaften anbetrifft, sie ist um so einträglicher, desto instabiler die Landschaft ist. Reichholf verallgemeinert diese Befunde. Zum Beispiel gibt es auch auf Korallenriffen zwar viele Arten aber kaum Fische, die im grossen Rahmen genutzt werden können. Und:“Dass es die Vielfalt an Arten überhaupt gibt, hängt wahrscheinlich mit der Bewältigung des Mangels zusammen. Wo Ressourcen knapp sind, überleben die Spezialisten besser, die mit dem wenigen auskommen können.”

Es ist wichtig festzustellen, dass in der Natur “Sparsamkeit im Umgang mit Überfluss” nicht vorkommt. Es wird ausgebeutet wo man kann, allerdings auf verschiedene Weise. So gibt es unter den Tieren “Ausbeuter”, die kurzzeitig maximale Gewinne erzielen wollen und zahlreiche Nachkommen erzeugen, und nachhaltige Nutzer, die weniger Nachkommen erzeugen aber Ressourcen langfristig benutzen können.

Reichholf bespricht von Bertalanffy’s Begriff des Fliessgleichgewichtes (steady state), der zur Beschreibung von lebenden Systemen benutzt werden kann. Er beschreibt einen turbulenten Fluss von Stoffen und Energie, analog einem strömenden Fluss. Flüsse benutzen als von aussen wirkende Kraft ein Gefälle, während Organismen die Energie durch aktive Aufnahme gewinnen. Wie bereits ausgeführt, kann ein Organismus im allgemeinen nur

einen“vollen Aktivitätszustand” d.h.einFliessgleichgewicht erreichen, Ökosysteme dagegen viele. Auch besitzen Ökosysteme keine feste Struktur. In Hinblick auf die durch den Menschen angerichteten “Schäden” meint Reichholf, dass die Verstärkung von Ungleichgewichten keine “Erfindung des Menschen” sei, sondern eine “Fortsetzung natürlicher Prozesse”, und:“über ‘richtig’ und ‘falsch’ urteilt einzig der Mensch.”

Auf den Menschen angewandt, schreibt Reichholf, dass ”ausgerechnet Zeiten ausgeprägter Stabilität jeweils ein besonders explosives Ende nahmen” (ausgenommen der Zusammenbruch der Sowjetunion). “Wie so oft wird die Lösung in der Natur gesucht”, die drei Lösungen anbiete: Vielfalt, Kräftegleichgewichte stellen sich von selbst ein, die Ressourccen werden optimal und damit sozial genutzt. Der Mensch aber tendiere zum Gegenteil, zur Uniformität, Dominanz/Unterdrückung und Raubbau. Man nimmt an, dass sich der richtige Zustand, wenn die Belastungen oder Störungen nicht zu gross waren, wieder einstellt. Eine Begründung ist nicht weiter notwendig, denn “es ist so, weil es so sein muss”. Reichholf hält dieser Ansicht entgegen, dass es garnicht um die Natur als solcher geht, sie diene im Grunde nur als Vorwand für die Argumentation. “Unberücksichtigt bleibt der Zusammenhang zwischen Stabilität und Mangel….und die tatsächlichen Ungleichgewichte in der Natur”. – Nachhaltige Entwicklung (sustainable development) dient als “Leitmotiv”, doch nur die nachhältige Nutzung in der Forstwirtschaft lässt sich damit vereinbaren. Streng genommen gibt es kein “von den Menschen nutzbares System, das nachhaltig produziert”. Auch der Konkurrenzkampf zwischen Staaten ist ein Problem, weil Staaten, die sich selbst “zurückhalten”, im Wettbewerb zurückbleiben. Die weltweite und nicht die lokale Wirkung ist entscheidend. Wichtig auch, dass Übergänge nicht almählich sondern ”als schnelle Phasenübergänge” stattfinden. – Wir müssen uns vom “Wunschbild der Gleichgewichte verabschieden”. Es ist absurd, ein stabiles Gleichgewicht künstlich herstellen zu wollen. “Wenn schon ‘die Natur’ als Vorbild herangezogen werden soll, dann muss die Suche optimalen Lösungen gelten und nicht dem maximal Möglichen.

In Bezug auf die Kultur meint er “Wo Gleichheit herrscht, geht die Würde verloren”….”Die Gleichheit aller Kulturen würde jegliches Kulturschaffen zum Erliegen bringen”. “Dass die Entwicklungen insgesamt so naturverträglich und so nachhaltig gestaltet werden sollen, dass die Verluste an Menschen und übriger Natur geringfügig ausfallen, stellt sicherlich eine Herausforderung noch nie dagewesenen Ausmasses dar” Aber wir hatten auch “noch nie so viele Menschen mit so viel Wissen” und Möglichkeiten.

Im ‘Ausblick’, den letzten Seiten des Buches, schreibt Reichholf erneut, dass Organismen nie auf “Harmonie” und “schöne Gleichgewichte” aus waren.

“Der sich zumeist rasch einstellende Mangel hat sie in solche scheinbaren Gleichgewichte hineingezwungen”. Zur Anpassung an den nur zum Teil durch den Menschen verursachten Wandel müssen wir mehr über die “Grenzen von produzierenden Gleichgewichten” lernen,…”wir müssen wissen, wie gross die Energieflüsse und Materialumsetzungen werden dürfen, um den Rahmen nicht zu sprengen” um andere Menschen und die Natur nicht zu schädigen. Mittelwerte sind nicht brauchbar, sondern die Grössen der Schwankungen sind wesentlich. In diesem Zusammenhang weisst er darauf hin, dass die jährlichen Mittelwerte der Temperaturschwankungen für Mitteleuropa sich seit Mitte des 19.Jahrhunderts nur um ½ Grad Celsius erhöht haben, ein Hundertstel der normalen jährlichen Schwankungen.

Kritische Bemerkungen

Hinweise zu Anfang des Buches besagen, dass Reichholf als ‘enfant terrible’ des Naturschutzes in Deutschland gilt, ich nehme an wegen seiner Ablehnung der ‘statischen’Auffassung der Ökologie. Wenn das tatsächlich so ist, sagt das nichts Gutes über den derzeitigen Stand des Naturschutzes und der Ökologie, und nicht nur in Deutschland. Es ist fast selbstverständlich und die Hinweise darauf sind überwältigend, dass Gleichgewichtszustände in der Natur die Ausnahme darstellen und immer dargestellt haben (siehe mein Buch Nonequilibrium Ecology [2]). Es ist ganz klar, das eine ‘Wiederherstellung’ angeblicher Gleichgewichte in der Natur nach Katastrophen Unsinn ist.

In diesem Hauptpunkt seines Buches hat Reichholf daher ohne Zweifel Recht. Meine Kritik des Buches in Hinsicht auf den Naturschutz bezieht sich nicht so sehr auf was gesagt wird, sondern was nicht gesagt wird. Zum Beispiel, wenn Reichholf in den letzten Sätzen des Buches darauf hinweist, dass der mitteleuropäische Temperaturanstieg in jährlichen Mittlelwerten ausgedrückt eigentlich minimal ist, kann das leicht in dem Sinne von der nicht ausreichend informierten Leserschaft (für die das Buch ja geschrieben ist) interpretiert werden, dass alles eigentlich nicht so schlimm sei. Wie aber lauten die Prognosen? Ein Anstieg über mehrere Grade, wenn alles so weiter läuft! Zwar mögen Schwankungen wichtiger sein als Mittelwerte, aber Schwankungen um einen deutlich höheren Mittelwert können schon katastrophal für die Zivilisation, wie wir sie kennen, sein. Aus der mitteleuropäischen Perspektive sieht alles vielleicht nicht so schlimm aus, aber weltweit sind schon jetzt katastrophale Indizien erkennbar (einiges allerdings kurz nach Veröffentlichung des Buches passiert, daher als Tip für die nächste Ausgabe gedacht): Vernichtung eines Grossteiles der Ernte in Russland durch Feuer, Fluten in Pakistan und Australien, Korallenbleichen (coral bleaching) weltweit, epidemisches Aussterben von Fröschen, usw.! Man kann natürlich nicht sicher sein, dass diese Ereignisse auf menschliche Aktivitäten zurückgehen, aber man sollte vorsichtig sein! Ein besonders wichtiger Punkt, da das Buch sich ja mit Ungleichgewichten befasst: welche Wirkungen kann der Klimawechsel auf die Verstärkung von in der Natur schon immer vorhandenen Schwankungen haben, werden sie chaotisch und daher weitgehend unkontrollierbar werden, was Modelle ja nahelegen? Reichholf bezieht sich wohl darauf, wenn er schreibt, dass “Schwankungen und ihr Ausmass” wichtiger als statistische Mittel sind, aber meines Erachtens nach sollte das stärker hervorgehoben werden mit Bezug auf mathematische Modelle der Chaostheorie zum Beispiel, und zwar in diesem wichtigen ‘Ausblick’, der ja sozusagen eine Schlussfolgerung sein soll.

Reichholf schreibt, dass nur der Mensch entscheiden kann, was ‘richtig’ und ‘falsch’ ist. Diese Feststellung kann interpretiert werden als Hinweis darauf, dass nur der Mensch ethische Prinzipien aufstellen kann, oder als Betonung eines Standpunktes, der alles dem Nutzen des Menschen unterordnet. Die letztere Ansicht stimmt zwar mit dem überein, was sich in der Natur zwischen Tieren abspielt, lässt sich als ethische Aussage wissenschaftlich jedoch nicht begründen; ihr liegt eine gewisse philosophische oder besser religiöse Grundeinstellung zugrunde, die nicht von jedem geteilt wird. In den monotheistischen Religionen hat Gott dem Menschen die Tiere sozusagen gegeben, um mit ihnen zu machen was er will. Man könnte diese Einstellung auch als ‘menschlichen Egoismus’ bezeichnen. Schopenhauer zum Beispiel stimmt ihr nicht zu, er meint, dass Tiere ein Recht auf “humane” Behandlung haben, eine dem Buddhismus entsprechende Ansicht (Siehe hier). Eine ‘humane’ Behandlung schliesst natürlich auch Schutz ihrer Lebensräume ein.

Wichtig und voll zu unterstützen:

“Wo Gleichheit herrscht, geht die Würde verloren”,d.h. die Forderung, dass auf jeden Fall eine Diversität der Kulturen bewahrt werden muss. Mit diesen Worten wird der Diversität der Kulturen ein inhärenter Wert zuerkannt. Besitzt nicht auch die Diversität der Arten einen solchen inhärenten Wert?

Einige mehr spezifische Kommentare. Der Autor schreibt wiederholt und macht das zu einem wichtigen Punkt der gesamten Diskussion,

“Dass es die Vielfalt an Arten überhaupt gibt, hängt wahrscheinlich mit der Bewältigung des Mangels zusammen.”(Seite 72, auch 65).Dieses Argument scheint mir falsch zu sein. Erstens, Temperatur und nicht “Mangel” ist generell (von wenigen Ausnahmen abgesehen) mit grösserem Artenreichtum korreliert, und zweitens, es gibt überzeugende Hinweise darauf, dass die schnellere Evolution in Gebieten niederer Breiten, d.h. den Tropen und Subtropen, zu einer Anhäufung von Arten führt (siehe hier und hier ), d.h. Bewältigung des Mangels, wo er überhaupt auftritt, ist zwar die Folge aber nicht die Ursache der Artenvielfalt. – Es gibt sehr wohl viele Fischarten auf Korallenriffen, die wirtschaftlich in erheblichem Masse ausgebeutet werden. Dass sie nicht mit den gleichen Methoden wie zum Beispiel Heringe in nördlichen Meeren gefangen werden, hängt wohl in erster Linie damit zusammen, dass die Verbreitung der Riff-Fische wegen der diskontinuierlichen Verbreitung von Riffen ebenfalls sehr diskontinuierlich ist, und dass Fischfang auf Riffen technisch schwieriger ist. In tropischen Meeren, die weitgehend geringe Produktivität besitzen, liegen die reichsten Fischgründe oft in der Nähe von Riffen.


References

Josef H. Reichholf. Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft. edition unseld sv 2008.
Klaus Rohde. Nonequilibrium Ecology. Cambridge University Press 2005.

Weitere Ökologie knols

hier

7 Comments

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  1. Lena Waider

    Rezension hat mein Interesse am Buch geweckt — Sehr interessante Rezension. Werde mir das Buch deshalb jetzt einmal genauer anschauen.Die zitierten Aussagen zur Problematik der Gleichheit teile ich uneingeschränkt. Evolution setzt Ungleichheit voraus (siehe Darwins Variations-Prinzip). Getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung ist aus evolutiver Sicht eindeutig viel leistungsfähiger als Hermaphroditismus – aufgrund der Ungleichheit in der potenziellen Fruchtbarkeit der beiden Geschlechter.Auch scheinen mir seine Aussagen zur Unmöglichkeit der (Wieder)Herstellung von Gleichgewichtszuständen richtig zu sein, wenngleich ich zugeben muss, darin keine Expertin zu sein. Es ist bei mir eher ein Bauchgefühl. Aber deshalb werde ich mich mit solchen Themen demnächst eingehender beschäftigen. Ein wenig hört sich die Sache aber so an (und so verstehe ich auch deine Kritik daran), als sei alles irgendwie unvermeidlich und man könne nichts tun, eigentlich nicht einmal gegen den Klimawandel, selbst wenn er menschengemacht wäre. Das halte ich für bedenklich, da ja auch die menscheninterne Diskussion um solche Themen Teil der Evolution ist. Ob sich Individuen gegenseitig die Köpfe einschlagen bzw. sich gegenseitig unterdrücken, wie es Reichholf ausdrückt, oder ob das gleiche Ergebnis im Diskurs zustande kommt, ist der Evolution schließlich egal.Die von dir kritisierte Aussage zum Zusammenhang von Mangel und Vielfalt kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich verstehe nicht einmal in Ansätzen, wie Reichholf auf eine solche Idee kommt.Seine Aussage “über ‘richtig’ und ‘falsch’ urteilt einzig der Mensch” würde ich – ohne den Abschnitt im Detail gelesen zu haben – etwas schwächer interpretieren. Könnte es nicht sein, dass er damit lediglich meint, nur der Mensch verfüge über die Mittel, etwas in richtig und falsch (bzw. Gut und Böse – wie es Nietzsche und Schmidt-Salomon tun) einzuordnen?Übrigens herzlichen Glückwunsch zur Überschreitung der 100-Knols-Grenze.LG Lena

    • Klaus Rohde

      “Seine Aussage “über ‘richtig’ und ‘falsch’ urteilt einzig der Mensch” würde ich – ohne den Abschnitt im Detail gelesen zu haben – etwas schwächer interpretieren. Könnte es nicht sein, dass er damit lediglich meint, nur der Mensch verfüge über die Mittel, etwas in richtig und falsch (bzw. Gut und Böse – wie es Nietzsche und Schmidt-Salomon tun) einzuordnen?”Sozusagen hinterher fiel mir das auch ein. Aber, im Zusammenhang der gesamten Diskussion gesehen, scheint mir eine Interpretation, die den Menschen als Maßstab aller Dinge setzt, d.h. alles dem Nutzen des Menschen unterordnet, doch wahrscheinlicher. Aber vielleicht hat Josef Reichholf etwas dazu zu sagen. Ich habe ihn auf den Knol hingewiesen. Trotzdem habe ich meinen Knol in diesem Punkte etwas geändert. Vielen Dank für den Hinweis.

  2. Anonymous

    Es mehren sich die Indizien, dass etwas daran ist! — Wie bereits allgemeine Erwägungen nahelegen, bedarf diese von verschiedenen Fachwissenschaften zu bearbeitende (In-)Fragestellung, die auch einen großen Reiz besitzt, der dringenden Klärung. Falsche Grundannahmen sind selbst bei vorsichtigem, redlichen Agieren gefährlich, vor allem aber, wenn sie ungeprüft und in tiefreichendem Ausmaß kritiklos und global angewandt werden. Die Erfahrung lehrt besonders, dass Lehrmeinungen, Verhaltens- und Vorgehensweisen, die nicht weltweit mit allem Nachdruck als schädlich und falsch gebrandmarkt werden, stets auf allen Gebieten bis an die Grenzen ausgenutzt werden, auch in Religionen und ‘wissenschaftlichen’ Glaubenssystemen, wie es uns noch vor kurzem die ungeheuren Fanatismen, Finanzmanipulationen und Umweltkatastrophen vor Augen führten, und dass bestenfalls immer erst in allerletzter Sekunde so etwas wie eine angedeutete Gegensteuerung gelingt – kein Wunder, wenn man prinzipiell an Selbstregulation durch Ethik-, Markt- und Vernunftkräfte glaubt. (Auch hier gilt dringend: nicht glauben sondern forschen, um zu wissen!) Natürlich können nur Theorien, die mit der Realität in Einklang stehen, ausreichend sachgemäßes Handeln bewirken. Das bedeutet aber auch, dass Altruismus und Mitgefühl gegenüber Lebewesen nicht die Funktion eines wirkungsvollen Schutzwalls erfüllen können. Schopenhauers exklusive Bewertung des Mitleids beruht auf seiner intellektualistisch begründeten Meinung, dass angesichts des Wesens der Welt uns nichts als Mitleid übrig bleibe. Doch haben am Beispiel des Barrier-Riffs die immense Faszination und Freude an seiner Schönheit und die (egoistische) Liebe zu ihm viel eher eine Chance, dass viele Menschen gegen dessen anthropogene Zerstörung angehen, wie ja seit jeher in Kunst und Wissenschaft – bei Leonardos Studien und Haeckels Radiolarien-Tafeln usw. – nicht moralisierende oder ethische, sondern allein ästhetische Motive die so ungeheuer machtvoll treibenden Kräfte waren. Dazu steht nicht im Widerspruch, dass Leonardo regelmäßig auf dem Markt Singvögel kaufte, nur um sie frei zu lassen … (Josef Alvermann, Baden-Baden)

    • Klaus Rohde

      Ästhetische Gesichtspunkte für den Naturschutz sind sicherlich wichtig für die gebildeten Eliten, aber leider nicht sehr wirksam, um Fischen mit Sprengstoffen auf Korallenriffen, ‘long-line’ Fischen, und Verstümmelung von Haien zum Gewinnen der Finnen, usw. usw. zu unterbinden. Mir scheint, dass sich so etwas nur durch strikt durchgesetzte Gesetze, und zwar auf globaler Ebene, durchsetzen lässt. Und jedes Gesetz bedarf einer ethischen Grundlage.

    • Peter Mersch

      “Mir scheint, dass sich so etwas nur durch strikt durchgesetzte Gesetze, und zwar auf globaler Ebene, durchsetzen lässt. Und jedes Gesetz bedarf einer ethischen Grundlage.”Sehr wahr. Sehe ich genauso. Wer die Märkte der Selbstregulation überlässt, erntet Raubtierkapitalismus. Deshalb müssen klare Regeln, Gebote, Gesetze her, und zwar auf globaler Ebene, weil es sonst doch wieder nationale Schlupflöcher gibt.

  3. Peter Mersch

    Einige Anmerkungen — “Er weisst auf Ilya Prigogine hin, der Organismen als dissipative Strukturen bezeichnete, weil sie schneller als auf Zufallsbasis Energie in Entropie umwandeln und davon leben, und nur solange leben, wie sie sich fern vom Gleichgewicht halten.”Diese Idee ist weit verbreitet. Ich stehe ihr äußerst skeptisch gegenüber. Ich halte zwar viel von den grundsätzlichen Überlegungen zu den thermodynamischen Voraussetzungen des Lebens, aber Leben ist viel mehr als dissipative Strukturen. Hurrikans sind sicherlich solche. Ansonsten stellt Carsten Bresch in einem seiner Bücher kurz und bündig fest: Replikation ist kein thermodynamischer Begriff. So sehe ich das auch.”Reichholf bespricht von Bertalanffy’s Begriff des Fliessgleichgewichtes (steady state), der zur Beschreibung von lebenden Systemen benutzt werden kann. Er beschreibt einen turbulenten Fluss von Stoffen und Energie, analog einem strömenden Fluss. Flüsse benutzen als von aussen wirkende Kraft ein Gefälle, während Organismen die Energie durch aktive Aufnahme gewinnen. Wie bereits ausgeführt, kann ein Organismus im allgemeinen nur einen ‘vollen Aktivitätszustand’ d.h. ein Fliessgleichgewicht erreichen, Ökosysteme dagegen viele.”Es ist aber dennoch denkbar, dass die Kommunikation unter uns Menschen genau die Selbstorganisation ist, die letztlich das Gesamtsystem stabilisiert. Je mehr Intelligenz man insgesamt zur Verfügung hat, desto vorausschauender könnte man agieren.”Wo Gleichheit herrscht, geht die Würde verloren.” Das ist hübsch gesagt. Die Konsequenzen aus der Evolutionstheorie sind jedoch profaner: Evolution setzt Ungleichheit voraus. Dort wo überall Gleichheit herrscht, kann sich nichts mehr entwickeln.“Dass es die Vielfalt an Arten überhaupt gibt, hängt wahrscheinlich mit der Bewältigung des Mangels zusammen.”Diese Aussage ist mehr als überraschend. Selbst die Thermodynamiker (die mit den dissipativen Strukturen) kommen zum gegenläufigen, nämlich deinem Ergebnis.”Leben existiert auf der Erde als ein weiteres Mittel, um den sonneninduzierten Gradienten auszugleichen (…). Lebende Systeme als dissipative Systeme fernab vom Gleichgewicht haben ein großes Potenzial, Strahlungsgradienten auf der Erde zu vermindern (…).Der Ursprung des Lebens ist die Entwicklung einer weiteren Route für den Ausgleich induzierter Energiegradienten. Leben leistet Gewähr dafür, dass diese Ausgleichsvorgänge weiter bestehen. Es hat Strategien entwickelt, diese dissipativen Strukturen trotz einer sich ständig ändernden physikalischen Umgebung aufrechtzuerhalten. (…)Biologisches Wachstum findet statt, wenn im System noch mehr gleichartige Wege hinzugefügt werden, angelegte Gradienten abzuflachen. Biologische Entwicklung findet dagegen statt, wenn neue Wege im System auftauchen. Dieses Prinzip stellt ein Kriterium für die Bewertung von Wachstum und Entwicklung lebender Systeme dar. (…)Je mehr Exergie zur Verteilung unter den Spezies zur Verfügung steht, desto mehr Wege gibt es, um die Energie zu nutzen. Die Stufen der Nahrungsketten (‘Trophieebenen’) und die Nahrungsketten selbst bauen auf Stoffen auf, die durch die Photosynthese fixiert wurden. In den Nahrungsketten werden diese Gradienten weiter ausgeglichen, indem Strukturen höherer Ordnung gebildet werden. (…) Die Artenvielfalt und die Zahl der Trophieebenen sind am Äquator besonders hoch, wo fünf sechstel der Sonneneinstrahlung auf der Erde eintreffen. Hier ist ein größerer Gradient zu vermindern.”(Schneider, Eric D. und Kay, James D.: Ordnung aus Unordnung: Die Thermodynamik der Komplexität in der Biologie; In: Murphy, Michael P. und O’Neill, Luke A. J. (Hrsg.): Was ist Leben? – Die Zukunft der Biologie, 1997, S. 190f.)Welcher Mangel sollte denn am Äquator bestehen, wenn es dem Leben in erster Linie um Energie geht, dort aber die bei weitem stärkste Sonneneinstrahlung eintrifft?

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