Niall Ferguson: Civilization, und Goethes Faust

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Niall Ferguson: Civilization, und Goethes Faust
July 31st, 2015 by Klaus Rohde

Der britische Historiker Niall Ferguson, bekannt unter anderem durch sein Buch The Pity of War, in dem er die Ursachen des Ersten Weltkrieges untersucht, und weitere Bücher, hat in einem brilliant geschriebenen Buch einen Abrisss der geschichtlichen Entwicklung der westlichen Zivilisation gegeben und versucht, die Ursachen ihres Erfolges zu verstehen (Civilization. The Six Killer Apps of Western Power, 2011). Auf Seite 305 (der Penguin Ausgabe von 2012) zählt er diese killler applications auf. Sie sind: Wettbewerb, wissenschaftiche Revolution, Herrschaft des Gesetzes und der representativen Regierung, moderne Medizin, die Verbrauchergesellschaft, und die Arbeitsethik. In einer Fussnote auf Seite 324 (sozusagen als Abschluss des Buches) erwähnt er als ‘foundational texts of Western civilization’ (als grundlegende Texte der westlichen Zivilisation) die folgenden Werke: King James Bible, Isaac Newtons Principia, John Locke’s Two Treatises of Government, Adam Smith’s Moral Sentiments and Wealth of Nations, Edmund Burke’s Reflections on the Revolution in France, und Charles Darwin’s Origin of Species (und als Anhang William Shakespeare’s plays und ausgewählte Reden von Abraham Lincoln und Winston Churchill).

Diese Auswahl scheint mir etwas einseitig anglozentrisch zu sein. Wie wäre es hiermit?:

Luthers Bibel (durch Gutenbergs Erfindung des Massendruckes der direkte Anlass zur schnellen Verbreitung des Wissens und aller späteren wissenschaftlichen Fortschritte), Johannes Kepler Astronomia Nova und Harmonices Mundi, Goethe Faust I und II, Immanuel Kant Über den ewigen Frieden, Johann Sebastian Bach Matthäus Passion, Beethoven Neunte Symphonie, Alexander von Humboldt Cosmos, Gregor Mendel Vererbungsgesetze, Max Weber Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Ludwig Boltzmann Entropie, Max Planck Quantum, Albert Einstein Allgemeine Relativität. Und ferner (keine ‘Grundlagen’ der westlichen Zivilisation aber vielleicht mehr zukunftsweisend als zum Beispiel Konsumerismus und Wettbewerb): Die Upaschinaden und Arthur Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung.

Auf Seiten 65-66 zählt er die wichtigsten 29 “breakthroughs” zwischen 1530 und 1789 auf. Überraschend, Keplers Gesetze der planetarischen Bewegungen fehlen, ohne Zweifel eines der wichtigsten Entdeckungen der Renaissance und von vielen als von entscheidender Bedeutung für die wissenschaftliche Revolution im 17. Jahrhundert angesehen, eine wesentliche Vorraussetzung von Newtons Gravitationslehre. Die Entwicklung des binären Systems durch Leibniz sollte ebenfalls hier stehen.

Der bekannte schweizer Ökonom H.C. Binswanger hat in einem Buch ausführlich beschrieben, wie Goethe in seinem Faust die Entwicklung der modenen Welt dargestellt hat. Faust, der Repräsentant der modernen Welt, ist ein tatkräftiger Unternehmer, sein Erfolg möglich gemacht durch die Erfindung des Papiergeldes (das die Goldwährung erstetzt), die Äquivalenz zwischen Währung und produzierten Güter, und die Eigentumsgesetze). Historisch genau beschrieben ist im Faust die folgende Sequenz: 1. Papiergeld (Bank of England), Dampfmaschine (James Watt) und damit Anfang der industriellen Revolution, Römisches Eigentumsgesetz des “Dominion”, d.h. das Recht zu benutzen und zu konsumieren: Code Napoleon). Goethe weist auch auf die potentiellen Gefahren hin: eine wirkliche Gefahr besteht darin, dass bei wirtschaftlicher Entwicklung die Konsequenzen für die Umwelt nicht in Rechnung gestellt werden. In anderen Worten, Faust ist der moderne Mann mit all seinen Stärken und Schwächen. In keinem der von Ferguson angeführten “foundation” – Texten wurde auf die potentiellen Gefahren durch die Zerstörung der Umwelt hingewiesen; Goethes Faust ist also zumindest in diesem Punkt viel zukunftsweisender.

Was die Bibel anbetrifft, nicht die King James Bibel sondern Luthers Bibel ins Deutsche übersetzt stand am Anfang der protestantischen Revolution und dem schnellen Anstieg der westlichen Macht, ihre Wirkung möglich gemacht durch Gutenbergs Erfindung des schnellen Massendruckes, von Ferguson als die wichtigste westliche Entwicklung vor der industriellen Revolution nur kurz früh in seinem Buch erwähnt. Was bei Ferguson ebenfalls fehlt ist die stärkere Betonung der typisch westlichen Musik die durch Bach, Mozart, Beethoven Wagner und viele andere zu einem Höhepunkt geführt wurde, und ein wesentliches Element des modernen westlichen Menschen ist.

Und was die Literatur anbetrifft, die von Ferguson erwähnten ‘plays’ von Shakespeare sind sicherlich schön und gross, doch welche Schlüsse auf die moderne Welt lassen sie zu? Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplizissimus und Brecht Der Gute Mensch von Szechuan und Leben des Galilei scheinen mir in der Hinsicht relevanter zu sein.

Insgesamt, die erstaunlichen von Ferguson beschriebenen ‘Fortschritte’ (wenn man sie so nennen soll) der westlichen Welt in den letzten 300 Jahren sind vielleicht nicht mehr als ein Schluckauf in einer Geschichte, die kurz vor der Katastrophe steht, wenn wir die Fehlentwicklungen nicht in den Griff bekommen. Und können wir hoffen, dass die “foundations”, die von Ferguson gefundenen Grundlagen dieser Entwicklungen, ausreichen, eine bessere Zukunft zu sichern? Man muss wie Ferguson schon ein Bewunderer von Präsident Reagan, Margaret Thatcher und Churchill sein, um das zu glauben, und viele sind das nicht.

Ich schliesse mit einem Zitat von Noam Chomsky aus meinem vorhergehenden Post:

“Die menschliche Spezies gibt es schon vielleicht seit 100.000 Jahren und sie steht jetzt vor einem einzigartigen Moment in ihrer Geschichte. Diese Spezies ist jetzt an einem Punkt, an dem sich sehr bald entscheiden wird, in den kommenden Generationen, ob das Experiment des sogenannten intelligenten Lebens weitergehen wird oder wir fest entschlossen sind, es zu zerstören. Überwiegend erkennen Wissenschaftler, dass fossile Energieträger im Boden bleiben müssen, damit unsere Enkel eine Zukunft haben. Aber die institutionellen Strukturen unserer Gesellschaft versuchen, jeden Tropfen aus der Erde zu pressen. Die Folgen, die Auswirkungen der vorhergesagten Effekte des Klimawandels für die Menschheit in nicht sehr ferner Zukunft sind katastrophal und wir rasen auf diesen Abgrund zu.”

H. C. Binswanger. The Challenge of Faust. Science 281, 31 July 1998.

H. C. Binswanger. Money and Magic: a Critique of the Modern Economy in Light of Goethe’s Faust, University of Chicago Press 1994 (transl. from German).
http://www.nybooks.com/articles/archives/2015/oct/22/very-great-alexander-von-humboldt/

Niall Ferguson. Civilization. The Six Killer Apps of Western Power. Penguin 2012.

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